Vorherrschendes Finanzsystem ist globaler „domestic terrorism“

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Reddit versus Wall Street zeigt Systemfehler auf

Absprachen in Online-Foren und YouTube-Tutorials haben in der Pandemie die Börse mit dem Klassenkampf infiziert, indem eine neue Generation von Kleinanlegern Aktien angeschlagener Firmen in ungeahnte Höhen katapultiert.

von Sascha A. Roßmüller

Insbesondere die Papiere des Computerspiele-Händlers GameStop mischten die Börsenszene auf. Kostete eine GameStop-Aktie zu Jahresbeginn noch weniger als 20 Dollar, vollzogen diese binnen nur vier Wochen einen Anstieg um 1700 Prozent. Aber auch andere Papiere, wie beispielsweise der teils bereits als Pleitekandidatin gehandelten weltgrößten Kinokette AMC wurde auf einen Anstieg um mehr als 300 Prozent gepuscht. Die dahinterstehenden Flashmob-Trader organisieren ihre konzertierten Aktionen über Foren wie beispielsweise “WallStreetBets” des Portals Reddit. Es wird dabei kollektiv gegen die Short-Positionen bekannter Hedgefonds, die auf fallende Aktienkurse wetten, investiert.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Klassenkampf auf dem Börsenparkett

Man könnte es vielleicht als eine Art Klassenkampf auf dem Börsenparkett beschreiben, bei dem zahlreiche Kleinanleger große Hedgefonds ins Wanken bringen. Beispielsweise musste der 13 Milliarden Dollar schwere US-Fonds Melvin Capital mit 2,75 Milliarden Dollar von den Investmenthäusern Citadel und Point72 gestützt werden, um die größte Hedgefonds-Pleite seit 1990 zu vermeiden. Allerdings sollte man sich auch nicht der Illusion hingeben, als handle es sich bei diesem neuen Phänomen um eine ausschließlich politisch intendierte Angelegenheit, da an der Börse immer auch schlichte Gier ein wesentliches Antriebsmoment ist, ob seitens institutioneller Konglomerate oder einzelner Kleinanleger. Nichtsdestotrotz ist jedoch interessant, wie dieses Phänomen bestimmte Widersprüchlichkeiten und Fehlkonstruktionen der heutigen Finanzwirtschaft und ihrer zum Einsatz kommenden Instrumente sowie vor allem die Entkopplung von der realen Produktionswirtschaft ans Tageslicht fördert.

Hohe Komplexität

Mittels technisch kostengünstiger Trading-Apps gelangten viele Neuanleger an die Börse, die in Form von investiver Schwarmintelligenz motiviert werden, Gegenpositionen zu professionellen Investoren zu halten. Laut einer Reuters-Analyse waren die 20 Small-Cap-Unternehmen des Russell 2000-Index mit den größten Wetten gegen sich bis Ende Januar im Durchschnitt um 60 Prozent gestiegen. Hedgefonds mit größeren Shortpositionen könnten angesichts nicht einkalkulierter Kurssteigerungen genötigt sein, Aktien nachzukaufen. Man sollte jedoch nicht in einem ausschließlich antikapitalistischen Reflex durch Schadenfreude ausblenden, dass dadurch unter Umständen auch ein Druck aufgebaut werden kann, fundamental gute Aktien veräußern zu müssen, wodurch stabile Unternehmen Kursverluste erleiden. Viele Hedgefonds sind Heuschrecken, aber eben nicht alle, und man möge nicht aus dem Auge verlieren, dass unter unkontrollierten Marktverzerrungen auch Versicherungen und Pensionskassen Schaden nehmen können. Dieses Themengeld ist von hoher Komplexität gekennzeichnet, weshalb man es nicht leichtfertig auf binäre Konfrontationsnarrative verkürzen darf.

Die Polarisierung ist aber bereits voll im Gange. Seitens zahlreicher Leitmedien werden die konzertiert agierenden Kleinanleger bereits in einem Atemzug mit den Protestierern vom 06. Januar in Washington genannt. Die Chefs namhafter Börsenindizes drohen bereits mit dem Aussetzen des Handels, was andererseits durchaus surreal anmutet, sind diese doch im Regelfall die Advokaten des freien Marktes, die nun mit drastischer Regulierung in diesen eingreifen wollen. Schlussendlich werden wir Zeuge einer weiteren gesellschaftlichen Konfrontationslinie. Big Tech-Meinungszensur, eine umstrittene US-Wahl und nun noch Marktmanipulation, wenn auch der kleine Mann auf dem Börsenparkett mittanzen möchte: dies dürfte die Spaltung zwischen Bevölkerung und Establishment nur weiter vertiefen.

Systemfehler reformieren

Auch wenn man begründet kein Freund der Machenschaften großer Hedgefonds ist, kann man dennoch schwer abschätzen, welche wirtschaftlichen Auswirkungen durch eine abrupte größere Pleitewelle bei diesen ausgelöst würden. Die ETF-Anbieter haben zwar in Sachen Marktmacht längst die Bedeutung der Hedgefonds überschritten, aber ungeachtet dessen zeigt sich erneut, dass zu große privatwirtschaftliche Institutionen stets das Too-Big-To-Fail-Problem mit sich bringen. Sprich bei aller Sympathie für einen Kleinanlegeraufstand gegen die Finanzmagnaten, werden dennoch dadurch systeminhärente Probleme der Allgemeinheit nicht gelöst werden. Vielmehr bedürfte es einer Politik, welche die Finanzmärkte dahingehend reformiert, dass diese einer gesellschaftlich definierten Aufgabe gerecht werden. Dies ist vielleicht aber der entscheidende Gewinn des derzeitigen Flashmob-Trading-Phänomens, dass sich überdeutlich zeigt, welche Verzerrungen die gängigen Handelsinstrumente und -praktiken auslösen können, die sich losgelöst aller unternehmerischen Fundamentaldaten vollziehen. Die Finanzwirtschaft sollte jedoch systemisch so ausgerichtet sein, dass sie den Erfordernissen einer gesunden Entwicklung der Produktionswirtschaft dienlich ist. Nicht allein das sogenannte „short gehen“ an der Börse, sprich Aktien zu verkaufen, die man noch nicht einmal besitzt (Leerverkäufe) und auf sinkende Kurse zu spekulieren, sondern zahlreiche weitere Konstruktionen von Derivatpapieren dürfen zurecht als eine Art von finanzwirtschaftlichem „domestic terrorism“ betrachtet werden.

Es bleibt dabei, nicht das Volk hat der Wirtschaft und die Wirtschaft dem Kapital zu dienen, sondern das Kapital der Wirtschaft und dieses wiederum dem Volk! Dies ist aber zu wichtig, um mit spielerischer Leichtigkeit, die schnell Leichtfertigkeit werden kann ans Werk zu gehen – daher: Game stopp und grundlegend reformieren!

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