Bruch mit den Konventionen (Rez. Gedichtband »Schwarze Fackel«)

Im Lippoldsberger Klosterhaus-Verlag ist nun eine überarbeitete und ergänzte Neuausgabe des legendären Gedichtbandes Die schwarze Fackel von Björn Clemens erschienen.

Vorbemerkung der Redaktion: In der März-Ausgabe der DS ist dieser Beitrag aus der Feder unseres Redakteurs Arne Schimmer erschienen. Wir veröffentlichen ihn an dieser Stelle für die Leser unserer DS-Netzseite kostenlos, ungekürzt und beispielhaft für das Kulturangebot unserer Monatszeitung DEUTSCHE STIMME.

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Der Düsseldorfer Autor und Rechtsanwalt Björn Clemens läßt sich nicht auf nur eine literarische Gattung festlegen. Er hat schon einen Roman und einen Essayband vorgelegt, am deutlichsten zu erkennen ist er aber in seinen Gedichten.

Arne Schimmer

Was aber macht gute Lyrik aus? Sie besticht durch die Deutlichkeit der verwendeten Bilder, und im besten Fall transportiert sie auch eine erlebte Wirklichkeit. Hier treffen zwei Auffassungen von Lyrik aufeinander: Die einen sehen in ihr gerade das bevorzugte Medium, um dieser Welt zu entkommen, die anderen dichten, weil sie sozusagen Blickkontakt mit der Wirklichkeit aufnehmen wollen.

Björn Clemens gehört dabei sicherlich zu den Autoren, die auf der Suche nach Konkretem und Echtem sind. Die bundesrepublikanische Tristesse wurde selten so scharf in den Blick genommen und mit so ätzender Schärfe beschrieben wie in diesen Gedichten. Der Autor hat ganz offensichtlich keine Angst vor dem Nihilismusvorwurf, und wie Gottfried Benn scheut er sich nicht, auch die Phänomene des körperlichen Verfalls in den Blick zu nehmen.

 

»Bürgerlinge« und »rechnende Zwerge«

Die lautdröhnende Leere einer individualistischen Spaßgesellschaft wird mit dem »inneren Exil« eines Patrioten kontrastiert, der mit all diesen Phänomenen konfrontiert ist: »Hauch des Todes überall / Schatten vor der Sonne Strahl / Gefrornes Lächeln / Ziert den Carneval / Gift des Rausches allezeit / Trunke aus der Furchtsamkeit / Zersetztes Antlitz / Bricht die Heiterkeit « heißt es beispielsweise in »Die fröhlichen Menschen«.

Es liegt im Wesen gerade des politischen Gedichts, daß es verkürzt, und so will auch Clemens die Dinge auf den Punkt bringen. So hat der in einem Gedicht verspottete »Bürgerling« »dort an jener Statt, wo des Rückgrats Knochen stören, nur Wachs und Gummi sitzen …«.

Die verlogene und oftmals nur als Alibi für die Durchsetzung materieller Interessen dienende Berufung auf die Menschenrechte nimmt Clemens aufs Korn, indem er eine Teufelsmahlzeit in der Hölle schildert, in der verbal immer wieder die Menschenrechte gelobt werden. Clemens läßt solchen Schilderungen dann Kämpferisches wie »Blutende Heimat«, »Wetterleuchten« und »Glut« folgen, und so bildet dann auch das mit »Aufbruch« überschriebene Kapitel den letzten Teil des Gedichtbandes, den Clemens auf die Kapitel »Verachtung«, »Spott«, »Dickicht« und »Not« folgen läßt.

Einleitende Karikatur zum Beginn des III. Kapitels, »SPOTT«.

Neben der Nation ist der christliche Glaube ein wichtiger Bezugspunkt für Clemens. In dem Gedicht »Der Dom zu Immerath« verbindet er dieses religiöse Bekenntnis mit dem Heimatgedanken (das Gedicht erschien kürzlich in voller Länge als Leserbrief in der Westdeutschen Zeitung). Es geht um einen kleinen Ort im äußersten Westen des Rheinlandes, dessen imposante, von einem Doppelturm gekrönte neoromanische Kirche im Januar dieses Jahres abgerissen wurde, weil das ganze Dorf dem Braunkohletagebau Garzweiler weichen muß – für Clemens ein Akt der Barbarei in einem von plattem Materialismus geprägten Land:

»Wo klangen die Stimme der Sang und die Lieder / Die rechnenden Zwerge erheben die Hand / Ersticken die Flammen des ewigen Lichtes / In Kirchenruinen versinket das Land […] Schon graben die Schaufeln in heiliger Erde / Verwerfen der Schöpfung umfassendes Weit / Zerkleinern zu Rohstoff die Seelen der Enkel / Zu retten die kleine verrinnende Zeit.«

 

Der politische Dichter Clemens wirkt wie einer jener Widerspruchsgeister aus dem Vormärz – so werden die Jahre in Deutschland vom Wiener Kongreß 1815 bis zur 1848er-Revolution bezeichnet – die mit allen bürgerlichen Konventionen brachen und die eine scharfe und oft sehr hintergründige Kritik an der Misere ihrer Zeit übten. Oberflächlich betrachtet war dieser Vormärz eine politisch ruhige Zeit. Der Schein trog jedoch, denn die Ruhe war dem harten Vorgehen der Staaten des Deutschen Bundes gegen oppositionelle Strömungen geschuldet, während viele Deutsche eine tiefe Enttäuschung über die auch nach dem Wiener Kongreß anhaltende Zersplitterung ihres Landes empfanden. Viele Menschen zogen sich aus der Politik ins Privatleben zurück.

 

Vergangene Zeiten?

Dr. Björn Clemens, streitbarer Jurist, Autor und Dichter.

Es gab aber auch Einzelne, die gegen diese künstliche Ruhe ankämpften, indem sie mit Schriften die politische Opposition unterstützten. Das führte zu Pressezensuren, Amtsenthebungen, Bespitzelung und Überwachung der Universitäten. In seinem Gedicht »Vor der Staatsschutzkammer« führt uns Clemens eine politisierte Justiz vor, die er aus eigenem Erleben nur zu gut kennt und in der oftmals nach der Gesinnung geurteilt wird: »Zu rechter Zeit hinausgestiegen / Die Strafen lasset andere kriegen / Er hat doch wie erwünscht gesungen / In Unserm Ohr hats schal geklungen / […] Damit die Männer hinter Mauern / Nicht länger ohne Urteil kauern / Die Haft darf keine Stund mehr dauern / Sonst wird Justitia erschauern.«

Alle diese Gedichte von Björn Clemens sind in der Neuausgabe seines Auswahlbandes Die schwarze Fackel enthalten, der als Erstausgabe vor zehn Jahren im Grazer Ares-Verlag erschien und der nun vom Lippoldsberger Klosterhaus-Verlag in einer ergänzten und überarbeiteten Fassung neu herausgebracht wurde.

Literaturhinweis:

Björn Clemens: Die schwarze Fackel, Klosterhaus-Verlag, 126 Seiten, 19,80 Euro.

www.schwarze-fackel.de

 

 

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