ANTON BRUCKNER – Die Übertragung des Nibelungen-Stils auf die Sinfonie

80. Jahrestag der Aufnahme Anton Bruckners in die Ehrengalerie der Walhalla

Anlässlich des 80. Jahrestages der Aufnahme Anton Bruckners in die Ehrengalerie der Walhalla stellen wir unseren Lesern diesen Beitrag, der in der Juni-Print-Ausgabe der DS erschien, hiermit kostenlos zur Verfügung. Abonnieren Sie jetzt die DEUTSCHE STIMME und verpassen Sie keine Ausgabe mehr:

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Der Komponist Anton Bruckner gehört zu den großen Einzelgängern der Musikgeschichte. Aus seinem kompositorischen Werk ragen insgesamt elf Sinfonien hervor, von denen er neun als gültig und selbst als seine wichtigsten Kompositionen betrachtete. Vor 80 Jahren, am 6. Juni 1937, fand im Rahmen eines zweitägigen Festaktes die Aufnahme der von Adolf Rothenburger angefertigten Büste Anton Bruckners in die Ehrengalerie der Walhalla bei Regensburg statt.

Sascha A. Roßmüller

Es war die einzige Neuaufnahme, die während der Zeit des Dritten Reiches überhaupt stattfand, was dazu beigetragen haben mag, daß Bruckner aufgrund der Wertschätzung während dieser Phase nach Kriegsende anfangs etwas in den Hintergrund des BRD-Musikbetriebs geriet. Der Umstand, zum Ende des Dritten Reiches gespielt worden zu sein, war der Anlaß, in der Bundesrepublik zunächst nicht mehr aufgeführt zu werden. Auf Anordnung Hitlers erklang bekanntlich das Adagio aus der 7. Sinfonie am 1. Mai 1945 im Reichsrundfunk, nachdem Großadmiral Karl Dönitz die Nachricht von Hitlers Tod bekanntgegeben hatte. Vermutlich handelte es sich um die Aufnahme des Dirigenten Wilhelm Furtwängler vom 7. April 1942.

Allerdings konnte der am 4. September 1824 im oberösterreichischen Ansfelden geborene und am 11. Oktober 1896 in Wien gestorbene Bruckner post mortem keinerlei Einfluß auf die Anwesenheit des Reichskanzlers sowie von Reichsminister Dr. Goebbels, der die Laudatio hielt, haben und gewann mit der Zeit wieder die verdiente Akzeptanz. Im österreichischen Wels und im niederbayerischen Straubing existieren heute auch zwei Gymnasien, die den Namen Anton Bruckners tragen.

Ein weiterer zentraler Bestandteil des seinerzeitigen Regensburger Bruckner-Festes war das vom Reichssender Berlin übertragene Konzert am Abend des 6. Juni in der restaurierten Minoritenkirche. Dabei erklang auch die 5. Sinfonie in der Originalfassung mit den Münchner Philharmonikern unter der Leitung Sigmund von Hauseggers. An der Aufführung des Te Deum unter der Leitung von Theobald Schrems waren 475 Sänger aus sämtlichen kirchlichen und weltlichen Institutionen der Stadt Regensburg beteiligt. Das Bruckner-Fest kam am Abend des 7. Juni 1937 – ebenfalls in der Minoritenkirche – mit Aufführungen der Sinfonien Nr. 1 unter der Leitung von Peter Raabe und Nr. 9 unter Oswald Kabasta zu einem krönenden Abschluß. Nach dem frühen Tod seines Vaters 1837 wurde Bruckner von der Mutter als Sängerknabe ins nahe gelegene Stift Sankt Florian geschickt, wo er auch Musikunterricht erhielt. Der Familientradition folgend, faßte er den Entschluß, die Lehrerlaufbahn einzuschlagen. 1868 wurde er Professor für Generalbaß, Kontrapunkt und Orgel am Wiener Konservatorium. Durch die Kunst seiner Improvisation errang er zwar den Ruhm, der größte Orgelspieler seines Zeitalters zu sein, jedoch hatte er nahezu Zeit seines Lebens mit starken Widerständen herrschender Kreise des Musiklebens zu kämpfen. Sein Weltruhm begann auch nicht in Österreich, sondern mit der Leipziger und Münchner Aufführung der 7. Sinfonie, die dem bayerischen König Ludwig II. gewidmet war.

Bruckner galt jetzt zahlreichen Kritikern als »Wagnerianer« und Gegenspieler Johannes Brahms’, der sich 1872 endgültig in Wien niedergelassen hatte. Nur ein kleiner Kreis von Freunden und Förderern setzte sich weiterhin für den Komponisten ein. Bruckner wuchs zwar in beharrenden Lebensformen auf, jedoch waren diese in ihm noch schöpferisch. Bruckner ist nicht rückständig, sondern urständig, und darauf vor allem beruhte seine Abseitigkeit. Er schöpfte aus eigenem Urerleben, nicht wie viele Epigonen aus dem Abglanz von Urerlebnissen, die einst andere hatten. In Bruckners Werken, vor allem den reiferen, durchdringen sich die Polyphonie seiner Wesenszüge in Traditionsstärke, Urständigkeit und Gegenwartsnähe. Anton Bruckner erlebte mit kindlicher und genialer Empfänglichkeit die urwüchsig natürliche Gefühlswelt des vormärzlichen Dorfes und blieb bis in das vierte Jahrzehnt seines Lebens ohne wesentliche Berührung mit fortschrittlicher Musik, ohne ständigen Konzert- und Theaterbesuch, ohne eigentlichen Unterricht in neuer Komposition und künstlerischer Ausübung. Sein Schaffen schritt keineswegs vom frühesten Jugendwerk zum ersten Meisterwerk in stetem Aufstieg hinan, vielmehr schnellte die Kurve plötzlich empor. Den Anstoß gab das Werk Wagners. Mit 37 Jahren begab er sich noch einmal in eine Lehre beim Theaterkapellmeister Otto Kitzler in Linz, der ihn in die neuere Kompositionslehre einführte, insbesondere in den Tannhäuser, wodurch der wesentliche Anstoß zum endlichen Aufbruch genialer Schaffenskraft und damit zur großen Lebenswende gegeben wurde.

Man kann in Bruckner einen nachgeborenen Gotiker sehen, dessen Schaffen in mittelalterlichem Seelentum wurzelt. Nur die Technik und Orchestersprache übernahm er aus dem Jahrhundert, in das er hineingeboren wurde. Er folgte ehrfürchtig Meistern der kirchlichen Polyphonie wie Palestria und Lotti und den Klassikern österreichischer Musik von Gallus bis Schubert und bewahrte eine Fülle von Wendungen auch aus der Kirchen- und Dorfmusik der engeren Heimat. Und da überdies unter den neueren Meistern fast ausschließlich Deutsche auf ihn gewirkt haben, ist seine Musik in ihrer ganzen Wesensart volkhaft und Ausdruck seines Stammes.

Der Mystiker Bruckner

Bruckners Sinfonien gehören wie das Musikdrama Wagners zur monumentalen Hochkunst, in der sich das Kunstwollen mystischer Romantik erfüllt. Sein Stilprinzip ist die Übertragung von Wagners Nibelungen-Stil auf die Sinfonie.

Wenn Nietzsche andeutete, das Wesentliche in der Musik sei ein Nachklang von Stimmungen, deren begrifflicher Ausdruck Mystik war, so gilt dies zwar nicht für jede Musik, doch wahrlich für den tiefen träumerischen Ernst deutscher Mystiker und Musiker. »Bruckner ist Mystiker, Christ aus Substanz, Sohn eines tief katholischen Stammes und darum nicht Gottesstreiter, Reformer oder Kampfchrist. Seine Frömmigkeit bleibt in Werk und Leben unpolemisch. Keine seiner Äußerungen verriet je den Versuch, in Fragen des Bekenntnisses andere beeinflussen zu wollen«, berichtete Friedrich Klose, einer seiner Schüler. Bruckner bekam 1895 vom Kaiser das Privileg zugestanden, mietfrei eine Wohnung im Schloß Belvedere zu beziehen. Hier verbrachte er sein letztes Lebensjahr. Mit unermüdlicher Schaffenskraft schrieb der Komponist weiterhin an seinem Werk, und am Ende seines Lebensweges, der über die größte Strecke ein Leidensweg war, steht das Adagio der Neunten Sinfonie, von der nur noch die ersten drei Sätze fertig wurden, der vierte Satz blieb ein Fragment … übrig bleiben weltvergessene Versenkung, die dem kontemplativ veranlagten Komponisten zu eigen war – sowie der verdiente Nachruhm.

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