Spekulationen um den Cyberangriff „WannaCry“

Schnellschüsse in Sachen Schuldzuweisung

Und wieder scheint alles ganz einfach zu sein: Die Spur des Cyberangriffs „führt nach Nordkorea“, selbst eine „Auftragsarbeit von Kim Jong-un“ wird über die Schlagzeilen ins Spiel gebracht. Es fehlen nur noch Bilder, die den nordkoreanischen Diktator zeigen, wie er selbst in die Tasten haut, um die „westliche Wertegemeinschaft“ aus den Angeln zu heben.

Dabei ist es alles andere als sicher, dass der kommunistische Staat hinter den Angriffen auf 200.000 Organisationen und Personen in mindestens 150 Ländern steckt. Wer sich die Mühe macht, mehr als die Überschriften der Artikel zu lesen, erfährt, dass man eigentlich nichts darüber weiß. Zu mehr als Mutmaßungen lassen sich auch Internet-Sicherheitsfirmen nicht hinreißen.

Fakt ist, die Erpressungssoftware hatte auf den infizierten Rechnern alle Daten verschlüsselt und forderte für die Freigabe ein Lösegeld. Dahinter könnten sowohl das organisierte Verbrechen aber auch Einzeltäter stecken. Natürlich würde ein ähnliches Vorgehen auch zu Geheimdiensten passen, die ihre politischen Gegner vernichten wollen. In dem Fall, dass mehr als Anzeigetafeln der Bahn torpediert werden, könnten selbst global agierende Organisationen in Schwierigkeiten geraten. Stehen an der Stelle des Lösegelds konkrete politische Forderungen oder werden Dauerkrisen ausgelöst, müsste von kriegerischen Akten gesprochen werden.

Schnellschüsse in Sachen Schuldzuweisung helfen dabei nicht weiter. Im Gegenteil: Genau solche Reaktionen könnten von den Verursachern gewollt sein. Die Liste der Möglichkeiten, bewaffnete Konflikte auszulösen, wächst erheblich. Die Medienmacher spielen dabei – wie fast immer – bereitwillig mit. Sie wollen nicht bemerken, dass sie sich der gleichen Praktiken bedienen, die sie den „Verschwörungstheoretikern“ vorwerfen. Einzelfälle werden verallgemeinert, voreilige Schlüsse gezogen oder Nebelkerzen geworfen. Dem Erkenntnisgewinn dient es nicht.

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