»… die Haltung zum Globalisierungsprozeß ändern!«

De DS im Gespräch mit Prof. Alexander Sotnichenko, Professor für Geschichte des Mittleren Ostens, stv. Direktor des St. Petersburger Zentrums für Gegenwartsstudien zum Mittleren Osten.

Dieses Interview erschien in der Februar-Ausgabe 2017 der DEUTSCHEN STIMME. Wir stellen es hier kostenlos und ungekürzt zur Verfügung. Interesse an der kompletten Februar-Ausgabe? Dann bitte hier erwerben und herunterladen: Februar-Ausgabe 2017 DEUTSCHE STIMME digital

Alexander Sotnichenko, PhD für Geschichte des Mittleren Ostens, war bis März 2016 Associate Professor – dies entspricht der deutschen W2-Professur – der Staatsuniversität für Internationale Beziehungen in Sankt Petersburg. Inzwischen ist er stellvertretender Direktor des St. Petersburger Zentrums für Gegenwartsstudien zum Mittleren Osten. Der Experte für Religion und Politik im Mittleren Osten ist darüber hinaus auch als Journalist tätig und als solcher Autor von bereits mehr als 500 Artikeln zu diesem Themenkomplex. Die DS sprach mit ihm.

DS: Sehr geehrter Herr Prof. Sotnichenko, Sie treten neben Ihrer beruflichen Tätigkeit regelmäßig als Redner auf politischen Kongressen auf, wie beispielsweise Ende vergangenen Jahres auf der Konferenz der Stiftung Europa Terra Nostra in Göteborg. Was ist Ihre Motivation hierfür, welches Ziel verfolgen Sie dabei und nach welcher Art von Verbindungen halten Sie dabei Ausschau?

Als Russe und unabhängiger Wissenschaftler bin ich an einer Zusammenarbeit auf zahlreichen Gebieten humanitärer und politischer Sphären interessiert. Allerdings ist es für mich von Bedeutung, mit rußlandfreundlichen Kräften zu kommunizieren. Der gegenwärtigen Politik der Europäischen Union stehe ich äußerst kritisch gegenüber, nicht zuletzt, weil die Führung der Europäischen Union es vorzog, anstelle einer nutzbringenden Zusammenarbeit Sanktionen in Kraft zu setzen und Rußland für seine Politik gegenüber der Ukraine und in Syrien zu bestrafen. Europa wurde zu einem Vasallen der USA, doch meinerseits werde ich stets diejenigen politischen Ausrichtungen unterstützen, die sich für die Unabhängigkeit Europas einsetzen. Und als Familienvater von drei Kindern finden auch die bevölkerungspolitischen Vorstellungen der Bewegung um Europa Terra Nostra meinen Zuspruch.

DS: Seit inzwischen fast 20 Jahren ist von einer zunehmenden terroristischen Bedrohung die Rede, insbesondere seit dem sogenannten Nine-Eleven, und innerhalb der letzten Jahre hauptsächlich mit Blick auf den Mittleren Osten und die arabischen Staaten Nordafrikas. »Arabischer Frühling« und »Islamischer Staat« wurden zu Synonymen für Gewalt und Krieg. Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang einige Fragen, beginnend mit einer grundlegenden Erwägung: Was, glauben Sie, sind die Ursachen für das Aufkommen terroristischer Gruppen in besagten Regionen? Ist dies hauptsächlich einem spezifischen kulturellen Verhalten bzw. der Mentalität zuzuschreiben oder liegen dem überwiegend externe Einflüsse zugrunde?

Ihre Frage ist sehr umfassend. Fachleute verfassen – und selbst dies in der Regel nicht allzu erfolgreich – ganze Bücher, um diese Frage zu beantworten. Lassen Sie mich einige wesentliche Gründe für das Aufkommen terroristischer Gruppen in diesen Regionen benennen. Ein Grund ist die Krise der säkularen Nationalstaatsidee. Befreiungsbewegungen im Mittleren Osten zwischen 1950 und den 70er Jahren hatten sich der Bildung einer neuen Gesellschaft verschrieben, die auf den Prinzipien der säkularen Ideologie europäischer Nationalstaaten basieren sollte. Man erhoffte sich, die europäische Staatsauffassung würde helfen, den europäischen Stil zu übertragen und europäischen Lebensstandard zu erreichen. Beispielsweise führten sie Israel und die zionistische Ideologie als typische westlich-säkulare Nationalbewegung an. Eine Reihe erfolgloser arabischisraelischer Kriege, ungünstige soziale und ökonomische Bedingungen zeigten jedoch die Wirkungslosigkeit von Reformen im Mittleren Osten nach europäischem Modell auf und die Popularität der Ideologie eines panarabischen Nationalgedankens nahm zu.

Der politische Islam gelangte erst durch die Unterstützung des reichen Saudi-Arabien nach 1973 in die Länder des Mittleren Ostens. Ein zweiter Grund ist die Verbreitung des Wahhabismus aus den Golfstaaten im Mittleren Osten. Saudi-Arabien hoffte, diese neue religiös-politische Bewegung in der Bevölkerung populär zu machen und dadurch den Mittleren Osten in einen Vasallenstatus zur saudischen Monarchie zu bringen. Der dritte Grund ist das demographische Ungleichgewicht zwischen West und Ost. Atheismus und hedonistischliberalistische Kultur führten im Westen zur größten demographischen Krise seiner Geschichte. Die Europäer verweigern sich zunehmend, Kinder zur Welt zu bringen, weil diese sie Zeit und Geld kosten, die sie lieber für ihre Freizeitgestaltung verwenden. Im Mittleren Osten wurde die religiöse Kultur nicht vergleichbar zu Europa marginalisiert. Von daher behielt eine hohe Geburtenrate innerhalb der Allgemeinbevölkerung ihren traditionellen Stellenwert, so daß die Bevölkerungszahl in dieser Region zunimmt. Der vierte Grund ist die Globalisierung. Als Ergebnis dieses durch linksliberale Ideologen vorangetriebenen Prozesses des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts schwand die Bedeutung von Nationalstaaten und Grenzen zunehmend. Die Linksliberalen glauben, daß die weltwirtschaftliche Entwicklung einen neuen Anstoß erhält, indem man einen freizügigen Verkehr der Bevölkerungen von Regionen mit einem Überschuß an Arbeit und denen mit einem Arbeitsdefizit ermöglicht. Jedoch ließen sie die potentiellen politischen Folgen eines solchen Entwurzelungsprozesses außer acht, wie die Verbreitung von Drogen, Kriminalität und Terrorismus. Und der fünfte Grund liegt im Entstehen der Möglichkeiten zur globalen Massenkommunikation. Terroristen kalkulieren für gewöhnlich mit der Berichterstattung ihrer Anschläge in den Medien. Die Enthauptungen des IS nahmen zu, da jeder spektakuläre terroristische Anschlag potentiell neue Anhänger beschert, weil die ganze Welt zusehen kann. Aber wir sollten über alledem auch die sozioökonomischen Gründe nicht vergessen. Im weltweiten Rahmen klaffte die Schere zwischen reich und arm immer weiter auseinander, sprich die Reichen wurden reicher und die Armen wurden ärmer. Die modernen Informationskanäle bieten die Möglichkeit, den ärmeren Teil der Bevölkerung mit den Konsumvorstellungen des Westen vertraut zu machen. Auch in diesem Ungleichgewicht finden terroristische Organisationen ihre Anhänger. Die europäischen Medien bezeichnen den Terrorismus als Unkultur und moderne Barbarei mit dem Vergleich eines neuen Mittelalters. Diese Darstellung ist jedoch unzutreffend. Die Muslime des traditionellen Islam praktizierten bis in die jüngere Gegenwart hinein üblicherweise keinen Terrorismus, insbesondere nicht in der Form der Selbstmordattentate. Der moderne Terrorismus ist ein völlig neues Phänomen, das aus der postmodernen Kultur erwächst.

DS: Wie beurteilen Sie die internationale Anti-Terror-Koalition, deren Entwicklung und Vorgehensweise?

Die Anti-Terror-Koalition wird von den USA angeführt. Aber hat Washington überhaupt ein Interesse, den Terrorismus im Mittleren Osten zu bekämpfen? Eine Instabilität im Mittleren Osten ist für die USA und ihren Verbündeten Israel profitabel. Solange verschiedene politische und religiöse Strömungen im Mittleren Osten einander bekämpfen, können diese sich nicht gegen Israel oder die USA verbünden. Und Europa leidet unter der Masseneinwanderung, wodurch seine Position im wirtschaftlichen Wettbewerb mit den USA geschwächt wird.

Das Ausbleiben eines tatsächlichen Fortschritts im Rahmen der internationalen Koalition gegen den Terrorismus bedeutet vielmehr, daß die USA gar nicht willens sind, die Situation zu meistern.

DS: Welches Maß an Bedeutung betreffend die Unruhen und deren Ursprung ist auf Absichten zurückzuführen, Kontrolle über fossile Ressourcen in den Krisenregionen zu gewinnen, und wer sind die dahinterstehenden Interessengruppen?

Die regionale Instabilität des Nahen Ostens stört den Export der Rohstoffe dieser Region nicht. Im Gegenteil, der Widerstand der eigentlichen Machtzentren führt dazu, noch mehr Öl zu fördern, um Gewinne zu erzielen. Genau daraus ergibt sich ja der globale Absturz des Ölpreises. Die USA sind bestrebt, ihre Abhängigkeit vom Importöl zu verringern, und deshalb hat die Stabilität des Nahen Ostens für sie nicht diese Bedeutung. Für den IS und andere terroristische Gruppierungen hat die Kontrolle über die Ölförderung hingegen überragende Bedeutung, denn diese gewährleistet ihnen die Eigenfinanzierung. Der IS und verschiedene libysche Gruppierungen haben der ganzen Welt gezeigt, daß man auf dem Weltmarkt Öl verkaufen kann, ganz gleich, unter welchen Umständen.

DS: Nun eine der wohl interessantesten Fragen, die man an einen Experten richten kann: Wie könnte angesichts dieses Krisenkomplexes Ihrer Ansicht nach eine politische Lösung in den in Rede stehenden Ländern aussehen?

Die gegenwärtigen extremistischen islamischen Gruppierungen überleben durch die Finanzierung reicher Staaten des Persischen Golfes. Die Mehrzahl dieser Staaten sieht im Westen ihren Gegner, weil sich der Westen, insbesondere seine Hegemonialmacht, die USA, permanent in die Verhältnisse in dieser Region einmischt. Die gegenwärtigen Verhältnisse dort sind das Ergebnis der Operation zur Niederwerfung des Regimes von Saddam Hussein im Irak. Die heutigen Beobachter der politischen Prozesse im Nahen Osten kennen die Finanzquellen der Extremisten sehr genau. Man muß also die Möglichkeiten solcher Staaten wie Katar und Saudi-Arabien, sich in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn einzumischen und den Terrorismus zu finanzieren, beschneiden. Dazu gehören zum Beispiel Sanktionen bei der Lieferung von Waffen und Hightech.

Stattdessen sehen wir heute, daß Staaten wie Katar und Saudi-Arabien, die früher als Verbündete auf seiten der USA standen, ja die USA selbst, sich als Helfer verschiedener Gruppierungen in Syrien betätigen. Die USA und die Europäer sollten sich nicht mehr so stark in die Verhältnisse des Nahen und Mittleren Ostens einmischen, mit Ausnahme humanitärer Aspekte, und sie sollten nicht mehr Regime bekämpfen, die für die Stabilität der Region stehen. Außerdem sollten sie im Nahen und Mittleren Osten nicht weiter Parteigänger westlicher Demokratien suchen. Inzwischen ist doch klar geworden, daß keine liberalen, prowestlichen Regime in der Region etabliert werden können. Daher sollte man den Völkern des Nahen Ostens selbst die Wahl ihres politischen Systems überlassen.

DS: Zweifellos besteht ein enger Zusammenhang zwischen der anhaltenden Krisensituation und der Flüchtlingswelle nach Europa. Haben Sie den Eindruck, daß die bisherigen Programme und Maßnahmen der europäischen Nationen, das gegenwärtige Migrationsszenario zu bewältigen, eine Aussicht auf Erfolg haben, und falls nicht, was müßte Ihrer Ansicht nach getan werden, um die Situation aus jetziger Sicht in den Griff zu bekommen?

Jegliche Herangehensweise des heutigen Europa basiert auf den linksliberalen Prinzipien, die Personenfreizügigkeit und die Freizügigkeiten des Kapitalverkehrs und von Technologien sicherzustellen. Es ist der blinde Glaube, die unsichtbare Hand des freien Marktes würde von selbst alles an seinen richtigen Platz stellen, daß sich über kurz oder lang im globalen Rahmen die Völker und Sprachen vermischen und die Weltwirtschaft gedeihen werde. Allerdings sehen wir nun in der Praxis, daß eine derartige Politik Europa keinen wirtschaftlichen Erfolg beschert. Die Kosten der sozialen Leistungen für Migranten, der Kampf gegen grenzüberschreitende Kriminalität und den Terrorismus übersteigen den Nutzen des Imports von billigen Arbeitskräften.

Was zuvörderst zu tun wäre, ist die Einmischung in die internen Vorgänge des Mittleren Osten zu beenden.

Saudi-Arabien und die Staaten des Persischen Golfs hingegen sind peinlich darauf bedacht, sich vor einem Zustrom von Migranten aus Syrien und Irak zu schützen. Das Rezept zur Lösung dieses Problems ist mit der Notwendigkeit verbunden, seine Haltung gegenüber dem Globalisierungsprozeß zu ändern. Was zuvörderst zu tun wäre, ist die Einmischung in die internen Vorgänge des Mittleren Osten zu beenden. Der sogenannte »Arabische Frühling« setzte sich durch und ließ das Leben in der gesamten Region zur Hölle werden, und dies geschah hauptsächlich aufgrund der Informationspolitik sowie finanzieller und sogar militärischer Unterstützung aus den USA und Europa. Die Völker des Nahen und Mittleren Ostens sind in der Lage, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Sie bedürfen keiner Demokratisierung oder Zwangsbeglückung mit westlichen Werten. Stabilität im Nahen und Mittleren Osten ist der Schlüssel, um die Migrationsströme zu stoppen.

Wie kann Europa dazu beitragen, eine solche Stabilität sicherzustellen? Durch Investitionen in Industrie und Landwirtschaft. Wenn die Menschen Arbeit und Frieden in ihren eigenen Ländern vorfinden, dann streben sie auch nicht auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa. Soziale Anreize für Migranten sollten umgewidmet werden für Programme zur Familienförderung und Steigerung der Geburtenrate in Europa. Wenn Europa in der Lage ist, selbst seine ureigene Arbeitskraft sicherzustellen, dann wird auch die Wirtschaft nicht länger an einem Zustrom billiger Arbeitskräfte von außerhalb interessiert sein.

DS: Können Sie unseren Lesern die wesentlichen geopolitischen Interessen Rußlands beschreiben, welche Strategie es verfolgt und was in diesem Kontext in Syrien auf dem Spiel steht?

Moskau ist sich sehr wohl darüber bewußt, daß eine zunehmende Instabilität im Mittleren Osten negative Auswirkungen auf die Situation in Rußland hat. Falls radikale Islamisten in Syrien – selbst die Mehrheit der sogenannten »gemäßigten Opposition« sind im übrigen Salafisten – an die Macht kämen, würde dieses Phänomen in den Kaukasus und nach Zentralasien ausstrahlen. Man braucht sich nur die Folgen des seinerzeitigen Afghanistan-Krieges ins Gedächtnis zu rufen. Nach dem Rückzug der Sowjetarmee im Jahr 1989 fühlten sich viele Anhänger der Jihadisten als Sieger und begannen auf der ganzen Welt, ihre Ideen aktiv zu verbreiten. Die Bürgerkriege in Algerien, Tadschikistan, Bosnien und Tschetschenien wurden maßgeblich von Jihadisten organisiert und unterstützt. Die Erhaltung der Islamisten in Afghanistan durch USA und Saudi-Arabien war ein gewichtiger Anstoß zur Entwicklung der Ideologie des Jihad.

Es muß darum gehen, die radikalen Islamisten heutiger Tage mit der Unmöglichkeit der Durchsetzung ihrer Ideen zu konfrontieren.

Es muß darum gehen, die radikalen Islamisten heutiger Tage mit der Unmöglichkeit der Durchsetzung ihrer Ideen zu konfrontieren. Rußland ist, unabhängig davon, welch politischer Natur die Machtausübung im Mittleren Osten ist, an einer dortigen Stabilität interessiert. Rußlands Ziel ist es, den Bürgerkrieg dort zu beenden, die unversöhnlichen Terroristen niederzuschlagen und mit denjenigen Staaten dieser Region, die einen Beitrag zur Beendigung des Bürgerkrieges leisten, zu verhandeln, um die vorherige Einflußsphäre Syriens wieder zu festigen. In dieser Hinsicht meine ich gerade einen positiven Prozeß der Zusammenarbeit zwischen Rußland, der Türkei und dem Iran auszumachen. Die Türkei unterstützte zwar lange Zeit die »bewaffnete Opposition« in Syrien, wurde jedoch inzwischen hinreichend enttäuscht. Ich hoffe sehr, daß die Bewältigung dieser Krisen mit Hilfe dieses trilateralen Formats gelingen möge.

DS: Wie schätzen Sie angesichts der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten die möglichen Aussichten auf einen geostrategischen Paradigmenwechsel der USA ein?

Donald Trump ist ein Vertreter eines amerikanischen Isolationismus und steht daher gegen eine US-Interventionspolitik in die Affären rund um den Globus. Er gewann die Wahl auf einer Welle der Kritik gegen die Demokratische Partei und deren Politik, zu viel Gelder für internationale Programme zu verschwenden. Seine Position fand mehrheitlich Unterstützung in den Herzen der Amerikaner. Bleibt zu hoffen, daß er seine Pläne auch wird umsetzen können. Trump ist weit weniger ideologisch als seine Gegner. Für ihn besitzt der Grad der Demokratie im Mittleren Osten oder die russische Politik gegenüber sexuellen Minderheiten nicht das ausschlaggebende Gewicht. Das ist wahre Demokratie. Jedoch dürfte es wenig wahrscheinlich sein, daß er internationale Projekte aufgibt, die den USA nutzen, weswegen ich keinen Abbau der US-Militärausgaben erwarte. Ich hoffe jedoch um einer stabileren Welt willen, daß Trump die Notwendigkeit der Wiederherstellung des westfälischen Systems multipolarer internationaler Beziehungen sieht. Will heißen, eine Übereinkunft mit Rußland, China, Europa und weiteren Machtzentren über eine Aufteilung der Einflußsphären auf unserem Planeten ohne einen Weltkrieg, sondern gestützt auf internationale Verträge.

DS: Abschließende Frage, Prof. Sotnichenko: Mit welchen Augen sieht die Mehrheit des russischen Volkes die gegenwärtige Politik der Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel und was ist Ihre persönliche Analyse dazu sowie Ihre Auffassung, welche Rolle Deutschland auf dem internationalen Parkett einnehmen sollte?

In jüngster Zeit geriet die Politik Angela Merkels in Rußland unter heftige Kritik, hauptsächlich der antirussischen Politik Berlins wegen. Das russische Volk war gewohnt, Deutschland als einen der engsten Partner in Europa zu betrachten, und hat kein Verständnis für das weitgehende Einfrieren der wirtschaftlichen Zusammenarbeit wegen der Ereignisse um die Ukraine. Aber ebensowenig hat man in Rußland Verständnis für Merkels Politik hinsichtlich der Migranten aus Nordafrika und dem Mittleren Osten. Und die Kritik aus Berlin gegen Rußlands Politik in Syrien ist für Moskau geradezu unfaßbar. Deutschland wurde wiederholt mit Terrorismus konfrontiert, was nichts anderes darstellt als eine Folge seiner politischen Unterstützung der »bewaffneten Opposition« in Syrien. Weshalb kritisiert man Rußland für die Tatsache, daß es sich um stabile Verhältnisse in Syrien bemüht?

Es ist schwer erklärbar, weshalb Berlin eine auf gegenseitigen Nutzen ausgelegte Kooperation mit Rußland auf wirtschaftlichem Gebiet und eine gemeinsame Bekämpfung des Terrorismus verweigert.

In Rußland hat man inzwischen den Eindruck, daß es sich bei Deutschland um keinen politisch unabhängigen Staat handelt, sondern es lediglich Anweisungen aus Washington ausführt. Anders ist es schwer erklärbar, weshalb Berlin eine auf gegenseitigen Nutzen ausgelegte Kooperation mit Rußland auf wirtschaftlichem Gebiet und eine gemeinsame Bekämpfung des Terrorismus verweigert. Eine neue deutsche Regierung sollte ihren Fokus vorrangig auf die Lösung seiner eigenen Probleme legen. Vor allem wäre es nötig, Beziehungen mit Blick auf die wirtschaftliche Prosperität Deutschlands aufzubauen, mit dem Ziel des Wachstums seines autochthonen Volkes und der Entwicklung seiner Kultur. Deutschland würde eine Zusammenarbeit mit Rußland als einem gewichtigen Partner und maßgeblichen Energielieferanten nur nutzen. Zudem wäre Berlin gut beraten, gemeinsame Wege im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu finden und an einer Stabilisierung im Mittleren Osten mitzuwirken.

Herr Prof. Sotnichenko, wir danken Ihnen sehr für das ausführliche Gespräch und die geopolitischen Einblicke, die Sie uns gewährt haben!

Das Gespräch mit Prof. Alexander Sotnichenko führte Sascha A. Roßmüller in englischer Sprache, der auch die Übersetzung übernahm.

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