»Das Wohl meines Volkes und meines Reiches war das Ziel meines Handelns«

Am 27. Januar 1859 wurde Deutschlands letzter Kaiser, Wilhelm II., geboren

Am 27. Januar 1859 wurde Wilhelm als ältester Sohn des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm – des späteren Kaisers Friedrich III. – und einer Tochter der britischen Königin Victoria geboren. Im »Dreikaiserjahr« 1888 bestieg er 29-jährig den Thron, nachdem Wilhelm I. und Friedrich III. gestorben waren.

Moritz Altmann

Der Historiker Hellmut Diwald beschrieb Wilhelm II. als einen stolzen und politisch begabten Mann mit einem enormen Gedächtnis und großer Auffassungsgabe. »Bei der Geburt hatte die Hebamme durch einen Mißgriff seinen linken Arm verletzt, so daß dieser verkümmerte. Darunter litt Wilhelm sehr; denn er, der Nachfahre der ruhmreichsten preußischen Könige und Feldherrn, war ein Krüppel«, stellte Diwald fest und liefert damit eine mögliche Erklärung für die Unsicherheit Wilhelms auf außenpolitischem Parkett.

Wilhelm II. im Jahr 1902
By Voigt T. H. [Public domain], via Wikimedia Commons

Vielleicht als unbewußte Kompensation seines körperlichen Gebrechens neigte der junge Regent zu eitlem Auftreten und kraftmeierischem Reden. Und er war stets auf Popularität im Volk bedacht, die er auch besaß, weil er die nationale Aufbruchstimmung im damaligen Kaiserreich verkörperte. Obwohl der junge Wilhelm den Reichsgründer Otto von Bismarck glühend verehrt hatte, kam es nach Übernahme der Regenschaft zu politischen Reibereien mit dem hochbetagten Kanzler, die im März 1890 zu Bismarcks Entlassung führten. Um Sorgen vor einer außenpolitischen Kursänderung zu zerstreuen, formulierte Wilhelm II. in einem Telegramm: »Das Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsdeck ist mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte, und nun voll Dampf voraus!«

Voller Energie und Zuversicht wollte Wilhelm II. das Staatsschiff zum Wohle der Deutschen lenken. Bekannt ist eine Rede von 1892, in der er versprach: »Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Zeiten führe ich Euch noch entgegen.« Damit meinte er keine kriegerischen Zeiten, sondern eine Epoche des Aufblühens von Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft in einem sozial gerechteren Staatswesen.

 

 

Wilhelm II. als sozialer Herrscher

Dieser Baum der Sozialversicherung ragt bis in die heutige Zeit hinüber.

Wilhelms »neuer Kurs« zielte auf eine Entschärfung innenpolitischer Konflikte und eine Versöhnung der Arbeiterschaft mit dem Staat. 1890 beschrieb der Kaiser seine Absichten so: »Ich bin entschlossen, zur Verbesserung der Lage der deutschen Arbeiter die Hand zu bieten, soweit es die Grenzen gestatten, welche meiner Fürsorge durch die Notwendigkeit gezogen werden, die deutsche Industrie auf dem Weltmarkte konkurrenzfähig zu erhalten und dadurch ihre und der Arbeiter Existenz zu sichern.« So wurde Bismarcks Sozialistengesetz nicht mehr verlängert und eine umfassende Arbeiterschutzversicherung auf den Weg gebracht. Schon Wilhelm I. hatte 1881 ein sozialpolitisches Großprogramm zur Absicherung der Arbeiter bei Unfall, Krankheit, Invalidität und Alter angekündigt. 1883 wurde ein Krankenversicherungsgesetz und 1884 ein Gesetz zur Unfallversicherung verabschiedet. 1889 folgte dann die Alters- und Invaliditätsversicherung. Unter Wilhelm II. wurde die Kinderarbeit eingeschränkt, die Jugend- und Frauenarbeitszeit begrenzt und die Lösung von betrieblichen Streitfällen Gewerbegerichten überantwortet.

Unter der Führung des politisch romantisierenden, aber wirtschaftlich modern denkenden Kaisers stieg Deutschland zur Weltwirtschafts- und Technologiemacht auf. Kaum jemand weiß noch, daß die heutige Max-Planck-Gesellschaft an die direkte Tradition der 1911 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften anknüpfte. Diese betrieb bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges die Kaiser-Wilhelm-Institute als führende Forschungsinstitute der deutschen Grundlagenforschung. Die technik- und wissenschaftsbasierte Wirtschaftsexpansion schuf die Wohlstandsbasis des aufstrebenden Kaiserreiches und den Neid und die Feindseligkeit der Briten als bisher führender Industrienation. Die deutschen Handelsrekorde trafen das britische Königreich an seiner empfindlichsten Stelle. Das Zeichen »Made in Germany«, das in England seit 1887 als Kennzeichen für alle aus Deutschland eingeführten Produkte vorgeschrieben war, wurde statt eines Stigmas zur Qualitätsauszeichnung.

Die auftrumpfende Wirtschaftsnation

Das deutsche Kaiserreich um 1893 See page for author [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

Schon um die Jahrhundertwende überflügelte Deutschland den Konkurrenten England im Welthandel und belegte hinter den USA Platz zwei. Im Februar 1896 verfaßte ein britischer Politiker in einer Wochenschrift eine Art Kriegserklärung an Deutschland: »Wäre morgen jeder Deutsche beseitigt, es gäbe kein englisches Geschäft noch irgendein englisches Unternehmen, das nicht wüchse. Hier wird der erste große Artenkampf der Zukunft sichtbar. Hier sind zwei wachsende Nationen, die aufeinander drücken rund um die Erde. Eine von beiden muß das Feld räumen, eine von beiden wird das Feld räumen.«

In der deutschen Öffentlichkeit gab es keine nennenswerte antienglische Stimmung. Auch der mit dem englischen Königshaus verwandte Kaiser suchte den Ausgleich mit dem Inselreich. Wilhelm II. wäre auch ein Narr gewesen, hätte er die wirtschaftliche Prosperität Deutschlands durch einen Krieg aufs Spiel gesetzt. Doch sein prunksüchtiges Auftreten und unbedachte Äußerungen (Krügerdepesche 1896, die »Hunnenrede« von 1900 und die Daily-Telegraph-Affäre von 1908) sorgten stets für Irritationen.

Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand samt Frau von einem Serben ermordet. Am 23. Juli stellte die Wiener Regierung an Serbien ein Ultimatum zur Verfolgung der Verschwörer, dem nicht in der gewünschten Form entsprochen wurde. Daraufhin erklärte Österreich Serbien den Krieg und Rußland Österreich-Ungarn. Deutschland solidarisierte sich mit Wien und sprach dem mobilmachenden Zarenreich und dem lauernden Frankreich die Kriegserklärung aus. Am 4. August erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg. Wilhelm II. reagierte auf den Kriegsausbruch bestürzt: »Das läßt jetzt für mich keinen Zweifel mehr zu: England, Rußland und Frankreich haben sich verabredet, gegen uns den Vernichtungskrieg zu führen. Entweder wir sollen unseren Bündnisgenossen schnöde verraten und Rußland preisgeben und damit den Dreibund sprengen, oder für unsere Bündnistreue von der Triple Entente gemeinsam überfallen und bestraft werden, wobei ihrem Neid endlich Befriedigung wird, uns gemeinsam total zu ruinieren.« Der Kaiser sah die deutsche Einkreisungsangst bestätigt: »Dabei wird uns die Dummheit und Ungeschicklichkeit unseres Verbündeten zum Fallstrick gemacht. Also ist die berühmte Einkreisung Deutschlands nun doch endlich zur vollsten Tatsache geworden, trotz aller Versuche unserer Politiker und Diplomaten, sie zu verhindern.«

Die Fakten belegen die These von der Einkreisung Deutschlands. 1892 kam es zur Militärkonvention zwischen Frankreich und Rußland, 1904 schlossen Großbritannien und Frankreich die »Entente cordial«, und 1907 einigten sich auch Großbritannien und Rußland auf einen Interessenausgleich. Nach den Bündnisschlüssen Frankreichs, Rußlands und Großbritanniens stand bereits im Jahr 1907 die Kriegskoalition gegen Deutschland (die Triple-Entente). Alle drei Hauptgegner Deutschlands hatten lange vor 1914 feste Kriegsziele. Deutschland dagegen war eine blühende Industrienation, die keinen Rachefeldzug für einen verlorenen Krieg anstrebte (wie Frankreich), die keinen Wirtschaftskonkurrenten militärisch niederzuringen brauchte (wie Großbritannien) und die keine Ambitionen als Schutzmacht kleiner Völker hegte (wie Rußland) und durch einen Krieg nichts gewinnen würde.

Am 4. August 1914 rief Wilhelm II. einer großen Volksmenge in Berlin die berühmten Worte zu: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!« In diesem national-solidarischen Geist stimmte im Reichstag selbst die SPD den Kriegskrediten zu und verkündete einen Burgfrieden. Der Arbeiterdichter Heinrich Lersch erklärte: »Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!« Nach Auffassung des Kaisers führte Deutschland einen gerechten Verteidigungskrieg. In seinen Memoiren schrieb er: »Zu derselben Zeit, als der Zar sein Sommerkriegsprogramm aussprach, beschäftigte ich mich in Korfu mit Ausgrabungen von Altertümern, dann reiste ich nach Wiesbaden und schließlich nach Norwegen. Ein Herrscher, der Krieg will und ihn vorbereitet, um seine Nachbarn zu überfallen, wozu es langer heimlicher Mobilmachungsvorbereitungen und Konzentrationen bedarf, der befindet sich nicht monatelang außer Landes und läßt nicht seinen Generalstabschef auf Sommerurlaub nach Karlsbad gehen. Die Feinde haben unterdessen planmäßig Vorbereitungen zum Überfall getroffen.«

Nach der Kriegsniederlage und der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 floh der Kaiser mit seiner Familie und einem kleinen Gefolge ins niederländische Exil. Dort dankte er offiziell am 28. November 1918 ab. Bis 1920 lebte er auf Schloss Amerongen, danach im Haus Doorn bei Utrecht. Das alliierte Verlangen, den früheren Kaiser auszuliefern, um ihn als angeblichen Kriegstreiber von einem Tribunal aburteilen zu lassen, lehnte die niederländische Regierung 1920 ab.

In seinen Memoiren schrieb Wilhelm II. in einer Mischung aus Verbitterung und Gewissensprüfung: »Wenn ich sehe, wie dieselben Leute, die mir früher in übertriebenem Maße Weihrauch gestreut haben, mich heute mit Schmutz bewerfen, so kann ich höchstens ein Gefühl des Mitleids empfinden. Was ich aus der Heimat Bitteres über mich höre, enttäuscht mich. Gott ist mein Zeuge, daß ich immer das Beste für mein Land und mein Volk gewollt habe, und ich glaube, daß jeder Deutsche das erkannt und gewürdigt hätte. Manches ist anders gekommen, als ich wollte – mein Gewissen ist rein. Das Wohl meines Volkes und meines Reiches war das Ziel meines Handelns.«

In Doorn empfing der Exilant bis an sein Lebensende deutsche Monarchisten und hoffte in der wirren Endphase der Weimarer Republik vergeblich auf eine Wiederherstellung der Monarchie. Von den Nationalsozialisten hatte er keine hohe Meinung, beglückwünschte Hitler am 17. Juni 1940 aber in einem Telegramm überschwänglich zum deutschen Sieg über Frankreich. Am 4. Juni 1941 verstarb Deutschlands letzter Kaiser.

(Dieser Beitrag von Moritz Altmann erschien in der August-Ausgabe 2016 der DEUTSCHEN STIMME. Verpassen Sie jetzt keine Ausgabe der DS mehr und abonnieren Sie diese noch heute: https://bestellung.deutsche-stimme.de/index.php

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