Jungrechte Meister der frischen Provokation

Die Identitäre Bewegung ist zur Kreativwerkstatt des patriotischen Widerstandes geworden

»Wir sind die erste freie, patriotische Kraft, die sich aktiv und erfolgreich für Heimat, Freiheit und Tradition einsetzt«, erklärt die Identitäre Bewegung (IB). Auch wenn sie natürlich kein Monopol für politische Heimattreue beanspruchen kann, hat sie sich durch ihre Protestformen eine Ausnahmestellung im patriotischen Spektrum erarbeitet.

Jürgen Gansel

Drei Aktionen, ein Anliegen und ein hundertfacher Medienaufschrei: Im August 2016 besetzten Aktivisten der IB das Brandenburger Tor, um ihre »Forderung nach einer Festung Europa, dem Stopp der unkontrollierten Massenmigration nach Deutschland, der Hilfe vor Ort und einer umfassenden Remigration aller illegalen Einwanderer « zu unterstreichen. Etwa 15 junge Männer bestiegen das symbolträchtige Bauwerk und entrollen ein Riesentransparent mit dem Schriftzug »Sichere Grenzen – Sichere Zukunft«. Neben der Presse schäumte besonders Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD): »Es ist schlicht widerlich, wie Demokratiefeinde mit solchen Aktionen versuchen, sich dieses Symbol anzueignen, das inzwischen für ein demokratisches, friedliches und weltoffenes Deutschland steht.« Die Identitären erklärten hingegen: »Die Bundesregierung betreibt nach wie vor eine Politik der offenen Grenzen und läßt Illegale, deren Herkunft und deren Absichten sie nicht kennt, massenhaft und unkontrolliert in unser Land. Trotz des Scheiterns der Integrationsbemühungen hängen die Akteure der deutschen Politik weiterhin einer multikulturellen Utopie nach, für deren Verwirklichung sie die innere Sicherheit in unserem Land opfern.«

Im September 2016 zog die IB-Bayern nach und stellte auf dem Berg Schafreiter im Karwendelgebirge ein neues Gipfelkreuz als »Symbol des christlichen Europas« auf, nachdem dieses mit Axthieben beschädigt worden war. »In unruhigen Zeiten, in denen das alte Europa bereits mehrfach angegriffen wurde, sind Taten wie diese jedoch mehr als nur ein Symbol. Das Gipfelkreuz in den Bergen ist Teil unserer Tradition«, hieß es auf der Facebook- Seite der bayerischen Aktivisten. »Wir fordern Respekt für unsere christlichen Werte und bayerischen Traditionen! Da wir den Gipfel nicht bis zum Errichten eines passenden Kreuzes nackt lassen wollten, packten wir kurzentschlossen selbst an.«

Ein weiterer Polit-Streich folgte im November 2016 mit der Besetzung des Balkons der Bundesgeschäftsstelle der Grünen in Berlin. Aktivisten entrollten ein Transparent mit der Losung »Ihr habt unsere Frauen längst vergessen«. Darüber stand durchgestrichen das Wort »Frauenrechte«, und die Worte »Multikulti und Masseneinwanderung« waren dick markiert. Die Identitären demonstrierten damit gegen die Heuchelei der Einheitslinken, die vorgeben, für Frauenrechte einzutreten, aber zur muslimischen Frauenverachtung und zu alltäglichen Sex-Attacken durch junge Orient-Machos schweigen. Auf der Facebook-Seite der Identitären Bewegung Deutschland hieß es dazu: »Die Kölner Silvesternacht ist für uns noch nicht vergessen. Die täglichen sexuellen Übergriffe werden von uns nicht als Normalzustand hingenommen. Es muß klar sein, daß die Masseneinwanderung aus vorrangig islamischen Kulturkreisen auch ein völlig anderes Verständnis von Frauenrechten mit sich bringt. Wir fordern endlich eine offene und angstfreie Debatte über die Folgen von Masseneinwanderung und Multikulti und über die künftige Sicherheitsgewährleistung in unserem Land.«

Die weibliche Seite

Obwohl die Bewegung männerdominiert ist, zeigt sie mit solchen Aktionen ihre Anschlußfähigkeit für Frauen, deren Freiheit und Sicherheit durch muslimische Einwanderung existentiell gefährdet ist. So gibt es in den Reihen der IB Überzeugungstäterinnen, die sowohl an Demonstrationen, Infoständen und Vortragsveranstaltungen teilnehmen als auch bei Facebook aktiv sind. Die FB-Seite »Identitäre Mädels und Frauen« zeigt den Einsatz für nationale Selbstbehauptung in einer frechen, verspielten, erotischen und immer überzeugenden Art. Dort präsentiert sich auch die 24-jährige Jennifer mit den Worten: »Ich liebe mein Land, seine Traditionen und seine Berge. Ich will nicht, daß sich alles, was ich an Österreich so schätze, verändert und verschwindet. Denn unsere Heimat ist einmalig. Besonders als selbstbewußte Frau betrachte ich die gegenwärtige Entwicklung mehr als kritisch.«

Erkennungszeichen der IB ist immer ein Kreis mit umgedrehtem V in der Mitte – meist in schwarzer Farbe auf gelbem Grund. Es handelt sich um den elften Buchstaben im griechischen Alphabet: das Lambda. Massenbekannt wurde das Symbol durch das filmische Heldenepos 300. Der Film kreist um die historische Schlacht bei den Thermopylen im Jahr 480 v. Chr., als Spartaner einer persischen Übermacht bis zum letzten Atemzug trotzten. Der Buchstabe Lambda auf den Schilden der Spartaner stand für »Lakedaimonier« als deren antiker Selbstbezeichnung.

Regelübertretung und Überraschungsmoment

ib-martin-sellnerDie IB stammt ursprünglich aus Frankreich und trat in Deutschland erstmals 2012 als Facebook- Gruppe in Erscheinung. Selbst die Systemmedien müssen einräumen, daß diese Bewegung in keine »Rechtsextremismus«- Schablone paßt, weil sie sich des Aktionsrepertoires der früher einmal aufmüpfigen Linken bedient. Martin Sellner, umtriebiger Kopf der IB und Student der Philosophie und Rechtswissenschaften in Wien, gibt offen zu: »Wir adaptieren Aktionen der Studentenbewegung oder von Greenpeace: Begrenzte Regelübertretung, ziviler Ungehorsam, Überraschungsmoment und ja, auch Spaßaktionen. Letztere haben ein enormes Potential, denn nichts hat die linke Multikulti-Schickeria weniger als Humor.« Entscheidend sei, daß man in die Wohlfühlzonen der Etablierten eindringe und die sozialen Räume derer besetze, die (noch) die Diskursherrschaft ausüben. Vor der IB nahm schon der neurechte Verleger Götz Kubitschek mit seiner 2008 geschaffenen »konservativ-subversiven Aktion« Anleihen bei der Linken, um die volksfeindliche Linke mit ihren eigenen Waffen vorzuführen und zu delegitimieren. Aktionen wie die auf dem Brandenburger Tor »folgen einer Raum- und Wortergreifungsstrategie innerhalb der Medienmechanismen unserer Zeit. Was man sonst nicht mitbestimmen kann und darf, etwa die tägliche Berichterstattung über existentielle Themen, kann man auf diese Weise anstoßen und schlagartig prägen«, sagt Kubitschek, der mit der IB über verschiedene Initiativen verbunden ist. Neben den als respektlos wahrgenommenen Straßen- Aktivitäten verunsichert die politisch-mediale Klasse das Erscheinungsbild der Identitären. Glatzen, Bomberjacken und Springerstiefel trägt ja schon seit Ewigkeiten niemand mehr, der einen politischen Anspruch hat und das eigene Volk gewinnen statt verschrecken will. Mit den Identitären ist nach Medienauffassung nun aber ein Typus entstanden, den sie eher im linkslibertären Studentenmilieu verorten würden: der »rechte Hipster«. Seine Merkmale: jung, gebildet, antiautoritär, internetaffin und mal extravagant, mal betont lässig gekleidet. Das Boulevardblatt B.Z. schreibt vom »Posen mit Mate-Flaschen, Vollbart und Jutebeuteln«.

Der »rechte Hipster«

Genutzt werden alle neuen Kommunikationsformate von Facebook über Twitter bis zu YouTube, um das Bild eines hochmodernen Patriotismus zu transportieren. Natürlich hat die Bewegung auch ein eigenes Modelabel geschaffen. Auf optisch ansprechenden T-Hemden stehen Botschaften wie »Ethnopluralist«, »Verteidiger Europas«, »So sehen Patrioten aus« oder der Dreiklang »Heimat, Tradition, Freiheit«. Bianca Klose, Projektleiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin, warnt: »Ihr popkulturelles Auftreten darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich bei der Identitären Bewegung um eine zutiefst rassistische und völkische Gruppierung handelt.« Den stereotypen Rassismusvorwurf für alle Überfremdungskritiker weisen die Identitäten scharf von sich und betonen die Gesinnungsunterschiede zwischen Neuer und Alter Rechter. Zu Letzterer zählen sie »Rassisten« und »Neonazis «. Arztsohn Sellner stellt klar: »Es gibt einen normalen Patriotismus, der nichts mit NS zu tun hat. Und der hat auch ein Recht, ein Mitspracherecht in politischen Debatten.«

Neue statt Alte Rechte

By Ataraxis1492 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons [File:Demonstration against Morten Kjærum in Vienna.jpg|thumb|Demonstration against Morten Kjærum in Vienna]

By Ataraxis1492 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons [File:Demonstration against Morten Kjærum in Vienna.jpg|thumb|Demonstration against Morten Kjærum in Vienna]

In Abgrenzung zur Alten Rechten stützt sich die IB auf das Konzept des Ethnopluralismus, wie es vor vielen Jahren schon der Nationaldemokratische Hochschulbund (NHB) vertrat: Die Anerkennung einer jeden Ethnie und Kultur sowie deren Souveränität auf ihrem geschichtlichen Territorium. Dieses Heimat- und Identitätsrecht wird Indianerstämmen im Amazonasgebiet genauso zugebilligt wie Völkern in Afrika, Asien und Europa. Liberalismus, Kommunismus und Islamismus werden gleichermaßen abgelehnt, weil sie alle dem Rest der Welt ihre Utopie einer ökonomisch, politisch und religiös formierten Einheitszivilisation aufzwingen wollen. Die IB formuliert glasklar: »Unsere Forderungen sind so einfach wie naheliegend: Wir fordern, daß die eigentliche Vielfalt der Welt, nämlich die der Völker und Kulturen, erhalten bleibt. Aus diesem Grund lehnen wir die derzeit nach Europa hin stattfindende Masseneinwanderung entschieden ab. Als Symptom dieser Masseneinwanderung sehen wir uns momentan in wachsendem Ausmaß nicht nur von unseren Eliten, sondern auch von einer zunehmenden Gewaltbereitschaft radikaler Muslime bedroht.« Die Bewegung wird mittlerweile von zahlreichen Landesämtern und dem Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes, behauptet, daß »Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung« vorlägen. Die Beobachtung der IB durch den Inlandsgeheimdienst ließ in der AfD sofort alle auf Distanz gehen, denen ein Andocken an die Bewegung zweckmäßig erschien. Selbst die als rechts der Mutterpartei geltende AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) distanzierte sich im Juli von der Bewegung. JA-Vorsitzender Sven Tritschler erklärte damals, man ziehe eine »klare Linie« zur IB und diese betonte, daß es »keine organistorische Verbindung« zur AfD gebe. Deutschland braucht die Identitären so, wie sie sind: frech, kreativ, außerparlamentarisch und überparteilich.

Dieser Beitrag von DS-Redakteur Jürgen Gansel erschien in der Januar-Ausgabe 2017 der Deutschen Stimme. Sie können DIE ANDERE MEINUNG hier abonnieren:

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