Eine Maske fällt

Wie aus einer „mutigen Offenbarung“ eine besonders unappetitliche Form des Opportunismus wird.

Eine Umfrage des Online-Portals Statista zur Parteipräferenz von Politik-Journalisten Deutschland in diesem Jahr ergab, dass eine relative Mehrheit von 26,9 Prozent der Befragten den Grünen am nächsten steht. Bereits im Jahr 2005 hatte das Hamburger Institut für Journalistik unter 1500 Journalisten aller Gattungen eine Umfrage statista_parteienpraeferenzdurchgeführt, in der die politische Sympathie der im Meinungsgeschäft tätigen untersucht wurde. Damals konnten sogar 35,5 Prozent der Pressevertreter als Anhänger der Grünen ausgemacht werden.

Beide Umfragen erfolgten anonym. Den meisten Journalisten wäre es auch nicht recht gewesen, wenn ihre politische Einstellung allgemein bekannt würde. Die ohnehin stark angegriffene Glaubwürdigkeit würde sonst sicher noch mehr leiden, ihr Sendungsbewusstsein auf noch weniger Gegenliebe stoßen.

reicheltNun hat es aber doch einer getan: Julian Reichelt, Chefredakteur von Bild.de, gab gegenüber dem Portal kress.de freudestrahlend zu, dass er bei der nächsten Bundestagswahl die Grünen wählen würde. Was treibt den Spross einer Journalistenfamilie, der 1980 in Hamburg geboren wurde, dazu, die sichere Deckung zu verlassen?

Vordergründig geht es ihm um den Krieg in Syrien, seine Schrecken und die Möglichkeit, das Grauen zu beenden. Dass aber ausgerechnet die Grünen, die unter ihrem Außenminister Joschka Fischer von ihrer pazifistischen Linie abrückten und die NATO-Invasion im Kosovo unterstützten, nun die Lösung der Probleme im Nahen Osten bringen könnten, dürften außer Reichelt nur wenige glauben. Vermutlich glaubt er selbst nicht daran.

Dafür dürfte der Zeitpunkt des öffentlichen Bekenntnisses kein Zufall sein. Sitzen doch Politiker der SPD mit den Vertretern der Linken und Grünen zusammen, um die Möglichkeiten einer rot-rot-grünen Regierungsübernahme nach der Bundestagswahl 2017 auszuloten. Da kann es nicht verkehrt sein, sich für den (noch relativ unwahrscheinlichen) Fall rechtzeitig in Position zu bringen!

Aber auch sonst lässt der Bild-Chefredakteur keine Gelegenheit aus, seinen politischen Standpunkt offen zu verkünden und dabei keinem Streit auszuweichen. Im Falle Syriens steht er klar an der Seite der Gegner des Präsidenten Assad und Russlands. Unter diesem Gesichtspunkt wandelt sich die „mutige Offenbarung“ in eine besonders unappetitliche Form des Opportunismus. Stehen doch schließlich nicht nur die meisten Bundespolitiker, sondern auch die NATO-Staaten überwiegend hinter diesem Kurs.

Julian Reichelt fordert in dem kress-Interview von seinen Kollegen, „mehr Haltung“ zu zeigen: „Nichts hat unsere Demokratie nötiger und nichts tut ihr besser als die offene Debatte.“ Im eigentlichen Sinn des Wortes hätte er damit sogar recht. Doch bei einem Vertreter seiner Zunft, der außer seiner eigenen Meinung keine andere dulden möchte, bleibt mehr als ein Fragezeichen. Es werden Erinnerungen wach an eine Zeit, in der in der „Deutschen Demokratischen Republik“ unter Führung der SED ein „fester Klassenstandpunkt“ unter den Journalisten selbstverständlich war. Im Westen nannte man das damals „Linientreue“. Anders kann man das heute auch nicht nennen.

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