Eurovision Song Contest (ESC): Tanz auf der falschen Bühne

Sie konnte einem fast leid tun: Die 18jährige Jamie-Lee Kriewitz scheitert in Stockholm kläglich. Bekleidet mit einem albernen Manga-Kostüm trug sie ein mittelmäßiges, auf Englisch gesungenes Liedchen vor. Von...

Sie konnte einem fast leid tun: Die 18jährige Jamie-Lee Kriewitz scheitert in Stockholm kläglich. Bekleidet mit einem albernen Manga-Kostüm trug sie ein mittelmäßiges, auf Englisch gesungenes Liedchen vor. Von der Jury erhielt sie dafür nur einen Punkt aus Georgien, vom Publikum ganze zehn Zähler und belegte damit mit Abstand den letzten Platz. In wieweit sie dabei für Angela Merkels Politik abgestraft wurde, wird die Aufgabe von Untersuchungen der Meinungsforschungsinstitute sein – falls das überhaupt jemanden interessieren sollte.

Auch die meisten Lieder der anderen Teilnehmer werden bald vergessen sein – englische Meterware bleibt nur selten im Gedächtnis haften. Der Sieger-Titel machte jedoch einer Ausnahme. Die Sängerin Jamala war mit ihrer Ballade „1944“ für die Ukraine erfolgreich, in der die Vertreibung der Krimtataren durch Stalins Schergen besungen wurde. Die Stoßrichtung war klar: vor zwei Jahren kehrte die Krim nach einer Volksabstimmung zu Russland zurück. Der Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern konnte bislang nicht beigelegt werden, wobei die NATO eine nicht sehr rühmliche Rolle spielte. Da konnte es nicht ausbleiben, dass auch die Macher des ESC ihren Beitrag leisten wollten.

Ob sich Jamala über ihre Rolle im Klaren war, darüber kann nur spekuliert werden. Positiv gesehen werden kann die Tatsache, dass die Verbrechen an den Krimtataren ins öffentliche Bewusstsein gerückt worden sind. Leider wurde dabei ausgeblendet, dass eine ganze Volksgruppe von den Sowjets kollektiv bestraft wurde, weil sie mit der deutschen Besatzung zusammengearbeitet hatte. Ein Verbrechen der Sieger des zweiten Weltkrieges bleibt somit im öffentlichen Bewusstsein ohne die notwendige historische Einordnung.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus dem Desaster beim Eurovision Song Contest? Von den Gebühren-finanzierten ARD-Funktionären ist nicht viel zu erwarten. Hier sind grundlegende Veränderungen im derzeitigen System notwendig. Aber auch dann wird wohl kaum jemand die Zerstörung Dresdens, die Vertreibungsverbrechen oder die Rheinwiesenlager in einem solchen Rahmen besingen wollen. Dafür gibt es passendere Bühnen.

Es gibt sicherlich interessantere Veranstaltungen als diesen Schlagerwettbewerb. Völlig ignoriert werden kann der ESC aber schon deshalb nicht, weil die neun Millionen Zuschauer bundesweit eine Größenordnung darstellen, über die man sich Gedanken machen sollte. Und: Selbst in der umstrittenen Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ wurden die Teilnehmer aufgefordert deutsch zu singen, weil sie nur so eine Chance beim Publikum hätten. Wenn ein Dieter Bohlen das begriffen hat, sollte sich diese Erkenntnis auch an anderer Stelle durchsetzen können.

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