Irland: Osteraufstand 1916 – die toten Helden triumphieren

Der Osteraufstand von 1916 wurde zum irischen Nationalmythos. Über eine Million Iren gedachten daher dieses Jahr bei der bis dahin größten Militärparade am Ostersonntag in Dublin und den landesweiten...

Der Osteraufstand von 1916 wurde zum irischen Nationalmythos. Über eine Million Iren gedachten daher dieses Jahr bei der bis dahin größten Militärparade am Ostersonntag in Dublin und den landesweiten Gedenkveranstaltungen am Ostermontag der nationalen Erhebung vor einem Jahrhundert. Zu Ehren der hingerichteten Freiheitskämpfer legte der irische Staatspräsident Michael Higgins einen Kranz nieder. Wurde die Rebellion von der britischen Weltmacht brutal niedergeschlagen, so befeuerte der Opfertod der nationalen Idealisten die irische Freiheitsbewegung, die letztlich in die staatliche Freiheit des größten Teils Irlands führte.

Am Ostermontag, dem 24. April 1916 stellten sich die irischen Rebellen mit nur  fünf mangelhaft bewaffneten Bataillonen der britischen Weltmacht todesmutig entgegen. Mit der Bindung britischer Streitkräfte während des ersten Weltkrieges auf dem Kontinent, sahen viele militante Republikaner ihre Stunde endlich gekommen. In einer koordinierten Aktion gelang den irischen Freiwilligen unter Patrick Pearse und der gewerkschaftsnahen Irischen Bürgerarmee von James Connolly die Besetzung strategisch wichtiger Punkte in Dublin. Die »Irisch Republikanische Armee« war geboren. Auf der Treppe vor dem Hauptpostamt verlas Patrick Pearse die legendäre Oster-Proklamation.

In der Unabhängigkeitserklärung manifestiert sich wortgewaltig der unbeugsame Freiheitswille einer seit Jahrhunderten geschundenen Nation: »Wir verkünden hiermit den Besitzanspruch des irischen Volkes auf Irland und auf die uneingeschränkte Kontrolle über die Geschicke Irlands, auf Souveränität und deren Unantastbarkeit. Die lange Vorenthaltung dieses Rechts durch ein fremdes Volk und eine fremde Regierung hat all diese Rechte nicht ausgelöscht, noch kann es jemals ausgelöscht werden, außer durch die Vernichtung des irischen Volkes. Das irische Volk hat in jeder Generation sein Recht auf nationale Freiheit und Souveränität bekräftigt: Allein in den letzten 300 Jahren hat es dies sechs Mal mit Waffen geltend gemacht. Auf dieses fundamentale Recht bestehend und dies vor den Augen der Welt nochmals mit Waffengewalt bekräftigend, erklären wir hiermit die Republik Irland zu einem souveränen, unabhängigen Staat und opfern unser Leben und das unserer Waffenbrüder für dessen Freiheit, Wohlstand und seiner Entfaltung unter den Nationen.«

Diese politische und militärische Kriegserklärung ließen die britischen Besatzer nicht lange unbeantwortet. Tapfer trotzten die Rebellen der zwanzigfachen Übermacht. Ohne Rücksicht auf zivile Verluste setzte die britische Kriegsmaschinerie flächendeckende Kanonaden ein. Dem Flammeninferno fielen weite Teile der Innenstadt zum Opfer.

Zu den heftigsten Straßenkämpfen kam es schließlich am Freitag in der King´s Street. Beim Kampf um zwei Häuser verloren die Briten über 200 Soldaten. Aus Wut über den langanhaltenden Widerstand der irischen Rebellen erschossen die britischen Infanteristen wahllos Zivilisten. Während des Aufstandes sollen nach Behördenangaben über 3000 Bürger ihr Leben verloren haben.

 »Um weiteres Blutvergießen unter den Bürgern Dublins zu verhindern“, ordnete Pearse am 29. April die bedingungslose Kapitulation an. Die Rache des Empire ließ nicht lange auf sich warten. Nach einem kurzen Militärprozeß wurden die 16 führenden Freiheitskämpfer zwischen dem 3. und dem 12. Mai  erschossen. Weitere 97 Todesurteile wurden später zu langjährigen Haftstrafen umgewandelt. Doch genau diese Hinrichtungen wurden zum Funkenflug im irischen Pulverfaß, die den Volkszorn weckten und der Freiheitsbewegung großen Zulauf sicherten.

Erst nach ihrem Tod erfuhr die Weltöffentlichkeit von dem Tod der mutigen Nationalisten. Die Welle der Empörung führte zum Meinungsumschwung in Irland und unter Protest der Weltöffentlichkeit mußte Premierminister Asquith die Fehlentscheidung öffentlich eingestehen.

Wie sollte der Weltpresse im großen Völkerringen erklärt werden, daß alle »zivilisierten Nationen« gegen den »Deutschen Militarismus« ins Feld ziehen müssen, während im Mutterland der parlamentarischen Demokratie Menschenrechte und das Selbstbestimmungsrecht der Völker demonstrativ mit Füßen getreten wurde.

Im Dezember 1918 erreichte die nationalistische Sinn Fein (»Wir selbst«) die überwältigende Mehrheit der irischen Sitze im britischen Unterhaus. Anfang 1919 erklärte das irische Parlament in Dublin seine Unabhängigkeit, was eine britische Intervention auslöste. Doch diesmal kam es im ganzen Land zu Aufständen gegen die Besatzer. Nach zwei zermürbenden Jahren mußte London  schließlich dem irischen Freistaat zustimmen. Am 18. April 1949 wurde Irland vollständig unabhängig, auch wenn der Nordirland-Konflikt weiterhin schwelt. Einer der Kommandeure des Osteraufstandes, Eamon de Valera, wurde später mehrmals Präsident der irischen Republik. Manche Kreise haben nicht vergessen, daß Valera nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 als einziger europäischer Regierungschef deutsche Diplomaten nicht an die Alliierten auslieferte, sondern ihnen Schutz gewährte.

Der Osteraufstand wurde zum historischen Wendepunkt im kollektiven Bewußtsein des irischen Volkes. Der irische Nationaldichter William Butler Yeats, der in den 30er-Jahren die faschistische Blauhemden-Bewegung unterstützen sollte, setzte dem heldenhaften Osteraufstand mit seinem Gedicht »Easter 1916« ein lyrisches Denkmal und beschrieb das historische Schlüsselereigniss als die »Geburt einer schrecklichen Schönheit«. Angesichts der keltisch-irischen Vorstellungen über die Wiedergeburt mythischer Heldengestalten wohl ein passender Ausdruck.

Heiko Sonnwin

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