Švęskime Laisvę – Laßt uns die Freiheit feiern!

Bericht einer nationalistischen Reisegruppe aus Deutschland DRESDEN/VILNIUS. Litauen, südlichster der baltischen Staaten und seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Der aktuelle Mindestlohn in dem Land, das seit dem 1....

Bericht einer nationalistischen Reisegruppe aus Deutschland

DRESDEN/VILNIUS. Litauen, südlichster der baltischen Staaten und seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Der aktuelle Mindestlohn in dem Land, das seit dem 1. Januar 2015 auch zur Euro-Währungszone gehört, beträgt 2,13 Euro. Dennoch scheint vor allem die Gesellschaft bisher von den »Segnungen« der so genannten westlichen Werte weitestgehend verschont geblieben zu sein. Wir waren zu Gast in einem Land, dessen Menschen sich ihre tief verwurzelte Kultur auch über lange Jahre sowjetischer Okkupation und aller Verbote hinweg bewahrt haben. Die tiefe Heimatliebe und feste Verbundenheit dieses baltischen Volkes zu seinen Traditionen und seiner Geschichte legen hiervon eindrucksvolles Zeugnis ab.

Michael Becker

Das Gold der wärmenden Sonne, das satte Grün der tiefen Wälder und das Rot der blutgetränkten Heldenopfer des Freiheitskampfes – diese Farben vereint Litauen in seiner Trikolore, die am 19. April 1918 erstmals als offizielle Nationalflagge angenommen wurde. Bereits gut zwei Monate zuvor, am 16. Februar 1918, erfolgte die erste Unabhängigkeitserklärung des Landes, das noch bis 1917 Teil des Russischen Kaiserreiches geblieben war. 1940 von der Sowjetunion besetzt und annektiert, wurde die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik, SSR, installiert und der Union der Sowjetrepubliken angegliedert. Nach deutscher Besatzung 1941 bis 1944, eroberte die Rote Armee das Land zurück und setzte erneut die SSR in Kraft. Erst im Zuge des allgemeinen Zusammenbruchs des Ostblocks Ende des 20. Jahrhunderts, erlangte Litauen im März 1990 zum zweiten Mal seine Unabhängigkeit.

Diesen Umwälzungen vorangestellt war der als »Singende Revolution« in die Geschichte eingegangene, friedliche Befreiungskampf der baltischen Völker gegen die sowjetische Umklammerung. Während der 16. Februar weiterhin als eigentliches Datum der Staatsgründung gilt, feiert Litauen seine Unabhängigkeit heute am 11. März. Bereits am 20. März 1989 wurde die Flagge der Litauischen SSR wieder durch die Trikolore ersetzt. Vielen dürfte auch der »Baltische Weg« vom 23. August 1989 in Erinnerung geblieben sein. Die mit gut 600 Kilometern längste bekannte Menschenkette führte durch das gesamte Baltikum und reichte von Vilnius in Litauen über Riga in Lettland bis nach Tallinn in Estland. Seinen Höhepunkt fand dieser Prozess schließlich am 11. März 1990, als Litauen als erster der baltischen Staaten seine Unabhängigkeit von der UdSSR erklärte. Ein gescheiterter Putschversuch moskautreuer Kräfte zu Beginn des darauf folgenden Jahres gipfelte am 13. Januar 1991 im so genannten Vilniusser Blutsonntag. Bei dem Versuch strategisch wichtige Punkte wie Regierungssitz und Fernsehturm zu schützen, fanden vierzehn Menschen den Tod. Mehr als eintausend Weitere wurden verletzt. Die Erinnerung an diese Opfer ist auch 25 Jahre danach unauslöschlich in das Gedächtnis dieses stolzen Volkes eingebrannt, der 11. März seit jenen geschichtsträchtigen Tagen arbeitsfreier Nationalfeiertag.

Mit trübem Wetter empfängt uns die Hauptstadt Vilnius. An der imposanten russisch-orthodoxen Kirche der Ikone der Gottesmutter, beginnt die Exkursion durch das Stadtzentrum. Vor dem Parlamentsgebäude am anderen Ufer der Neris, einem im Norden Weißrußlands entspringenden Strom, erhebt sich ein Mahnmal. Panzersperren und große Betonelemente, Überreste einstiger Barrikaden gegen die sowjetischen Putschisten, bäumen sich vor uns auf. Zwischen Stacheldraht erinnern historische Aufnahmen und Namenslisten an die Opfer des gewaltfreien Widerstandes im Januar 1991. Nur einige hundert Meter weiter über den Gediminas Prospekt, der nach dem Stadtgründer benannten Hauptmagistrale die auf ihren gut zwei Kilometern mit National- und Stadtflaggen geschmückt ist, liegt auch die Nationalbibliothek. Auf der Straßenseite gegenüber erstreckt sich in geradezu einschüchternder Größe die ehemalige Zentrale des sowjetischen In- und Auslandsgeheimdienstes, KGB. Ein Flügel des Komplexes beheimatet heute das 1992 gegründete Museum der Opfer des Genozids. Verschiedene Ausstellungen behandeln hier neben dem Widerstand gegen die Besatzungsmächte zwischen 1940 und 1990 sowie der damit untrennbar verbundenen Geschichte der als Waldbrüder bekannten Partisanen auch die Geschichte des KGB-Gefängnisses selbst. Die erschreckende Analogie von Gestaltung und Ausstattung der Haft- und Folterzellen zu den ehemaligen Vollzugsanstalten der Staatssicherheit in Potsdam, Rostock, Erfurt oder Bautzen lässt das Blut in den Adern gefrieren. Hier, in den endlos scheinenden Gängen des Zellentraktes wird einem das gesamte Ausmaß dieses Schreckensapparates erst gänzlich gewahr, der sich letztendlich, wenngleich unter anderem Namen, auch bis auf das Gebiet der ehemaligen DDR erstreckte.

Ist all das Unrecht vergessen, im Rausch des plötzlich über uns gekommenen Kapitalismus mit all seinen schillernden Farben und seinem trügerischen Gefühl der Freiheit alles kaufen und die weite Welt bereisen zu können? Diese Frage drängt sich besonders vor dem Hintergrund der bundesrepublikanischen Realität heutiger Tage unweigerlich auf. Vor einem mit Bändern geschmückten Herz halten wir inne. Der zu diesem Exponat gehörige, kurze Begleittext berührt uns tief. »Unser Herz ist der Einigkeit unseres Volkes gewidmet, der Liebe und Freiheit für unser Vaterland. Studenten der Schule für KfZ-Mechaniker und Wirtschaft in Vilnius, 11. März 2015«, steht darauf geschrieben. Wo nationale Souveränität und Stolz auf die eigene Nation in allen Ländern dieser Erde selbstverständlich scheinen, wird in der BRD jede patriotische Regung, sei sie auch noch so klein, in einem ätzenden Sud aus Selbstgeißelung, Repression und wenn nötig sozialer Ächtung und Kriminalisierung ersäuft. Tatsachen, die all unsere Wahrnehmungen an jenem 11. März um ein Vielfaches verstärken und beinahe surreal erscheinen lassen.

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Gediminas Prospekt

Wir betreten wieder den Gediminas Prospekt. Die Menschen tragen Schals, Mützen oder schmücken sich mit kleinen Schleifchen, Kokarden, Armbändern oder sonstigen Accessoires in den Landesfarben. Auch jedes Wohnhaus, die öffentlichen Verkehrsmittel, Taxen und Polizeifahrzeuge haben die gold-grün-rote Trikolore aufgepflanzt. Wir stehen noch immer vor dem Genozid-Museum und betrachten in uns gekehrt die in der Fassade eingemeißelten Namen der Hinrichtungsopfer, als eine Parade der Lietuvos šaulių sąjunga vorüberzieht. Die Litauische Schützenunion, die auf das Jahr 1919 zurückgeht und nach Militär und Freiwilligenarmee die dritte Verteidigungslinie Litauens bildet, verzeichnete nach Ausbruch des Konfliktes in der Ukraine einen enormen Zulauf. Sie zählt heute mehr als 8000 Mitglieder.

Vorbei an auf Landesfarben umgerüsteten Verkehrsampeln und dem Litauischen Nationaltheater, das alle Programmplakate durch eben jene in Nationalfarben ersetzt hat, erreichen wir das Ende der Magistrale. Hier, wo sich majestätisch die römisch-katholische Kathedrale St. Stanislaus erhebt, sammeln sich zu dieser Stunde gut 1500 Menschen. Neben den offiziellen Feierlichkeiten veranstalten seit einigen Jahren auch nationalistische Organisationen einen Marsch anläßlich der Unabhängigkeit ihres Landes. Neben verschiedenen anderen Gruppierungen zählen vor allem das Litauische nationale Zentrum und die Litauische nationale Jugendunion zu den Hauptorganisatoren dieser Demonstration der Einigkeit. Das Aufgebot an Sicherheitskräften ist vergleichsweise gering und auch die in unseren Breiten bekannten Gegenproteste bleiben, bis auf eine Einzelperson, aus. Stattdessen begleitet ein großes Medienaufgebot den Demonstrationszug, der, ganz in die Farben des Landes getaucht, über den Gediminas Prospekt bis vor das Parlament zieht. Junge und Alte liegen sich in den Armen, Kinder schwenken kleine Fähnchen und Menschen in traditioneller Tracht singen alte Volksweisen. Beiträge verschiedener Redner, darunter auch Abordnungen aus Lettland, dem vereinigten Königreich und Deutschland beenden diese Demonstration, deren mit aufrechtem Nationalbewußtsein unbeschreiblich positiv aufgeladene Atmosphäre schwer fällt in Worte zu fassen.

Der Einladung zu einem gemeinsamen Abendessen in der gut 70 Kilometer nördlich gelegenen Stadt Ukmerge folgend, bei dem wir mit einer befreundeten Familie ganz selbstverständlich auf die nationale Wiedergeburt des Landes anstoßen, verlassen wir die Hauptstadt über die großen Verkehrsadern. Begleitet von der Aufforderung »Švęskime Laisvę« – »Laßt uns die Freiheit feiern!«, tanzt eine große Trikolore aus bunten LED-Lichtern über die elektronischen Verkehrstafeln, welche für gewöhnlich über Straßenverhältnisse, Verkehrsfluss und Witterungsbedingungen informieren.

Schnell sind die wenigen Tage vorüber. Die letzten Stunden vor unserem Abschied widmen wir abermals verschiedenen kulturellen Ausflügen. So dürfen ein Besuch der Wasserburg Trakai und des 326 Meter hohen Fernsehturmes nicht fehlen, an dessen Fuß sowjetische Panzer friedliche Demonstranten überrollten, Menschen im Kugelhagel starben. Ihnen ist eine Ausstellung im Inneren des Sendeturmes gewidmet, der zum Zeugen der blutigen Ereignisse des 13. Januar 1991 wurde. Von der Besucherplattform mit Restaurant in 165 Metern Höhe schweifen unsere Blicke nachdenklich noch einmal über die Stadt. Bald darauf tauchen wir wieder in das hektische Treiben des kleinen Flughafens ein und durchlaufen alsbald die akribischen Kontrollen.

Eine letzte Runde dreht die kleine Propellermaschine über die Dächer von Vilnius, bevor sie die dichte Wolkendecke durchstößt. Noch einige Tage finden all die Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen Widerhall in unseren Herzen. Mit Hoffnung und Zuversicht streben wir jener Stunde entgegen, in der auch wir wieder rufen können: »Švęskime Laisvę« – Laßt uns die Freiheit feiern!

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