Buchbesprechung: Rußland und der Westen auf dem Prüfstand

Kaum ein anderer dürfte mehr dazu berufen sein, über die wechselvollen Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland im vergangenen Jahrhundert Auskunft zu geben, als der frühere Gorbatschow-Berater Wjatscheslaw Daschitschew, der...
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Kaum ein anderer dürfte mehr dazu berufen sein, über die wechselvollen Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland im vergangenen Jahrhundert Auskunft zu geben, als der frühere Gorbatschow-Berater Wjatscheslaw Daschitschew, der diese Beziehungen selbst maßgeblich mitgestaltet hat. In seinem kürzlich im Ares-Verlag erschienenen Buch Von Stalin zu Putin läßt der inzwischen 90-Jährige die einzelnen Stationen seines ereignisreichen Lebens Revue passieren und nimmt gleichzeitig Stellung zu bedeutsamen historischen und politischen Fragen.

Thorsten Thomsen

Der 1925 in Moskau geborene Politologe und Historiker, dem einst eine führende Rolle bei der Entspannung im Ost-West-Konflikt zukam und der als Mitarchitekt der Perestrojka-Politik einer der Rußland-und-der-Westenwichtigsten Wegbereiter der Deutschen Einheit war, nahm von 1943 bis 1945 Erkundungsoffizier der Roten Armee am Zweiten Weltkrieg teil und beriet später während seiner langjährigen Tätigkeit (1973–1990) als Leiter der außenpolitischen Abteilung eines Instituts an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR verschiedene Sowjetregierungen. Dies weist ihn als intimen Kenner der sowjetischen Politik über mehrere Jahrzehnte aus. In seinen Erinnerungen läßt er den Leser an diesem reichhaltigen Erfahrungsschatz teilhaben.

Hegemoniale Crux

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Vom Zweiten Weltkrieg bis zu den jüngsten Ereignissen in der Ukraine erstrecken sich die Betrachtungen Daschitschews, der im Hegemonialstreben das Grundübel der internationalen Politik erkannt hat. Schon in seinem 2002 veröffentlichten Werk Moskaus Griff nach der Weltmacht erkannte er in seiner Analyse der nationalsozialistischen wie der auch der sowjetischen Außenpolitik eine Gesetzmäßigkeit aller hegemonialen Bestrebungen, die er als »reflektierende und überschüssige Rückwirkung« bezeichnete.

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Darunter versteht er die Bildung von Gegenkoalitionen, durch welche die Intentionen hegemonialer Politik zunächst begrenzt und schließlich durch die Übermacht der antihegemonialen Koalition zum Scheitern verurteilt würden.

Mit Blick auf die »einzig verbliebene Weltmacht« sagt Daschitschew dieser eine ähnliche Entwicklung voraus, sollten die USA ihre Politik der Hegemonie nicht aufgeben. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer »imperialen Überdehnung« und führt aus: »Am Horizont erscheint der herannahende Niedergang der amerikanischen Vorherrschaft in der Welt. Die USA sind bereits nicht mehr in der Lage, viele Aufgaben der Aufrechterhaltung und umso mehr der Festigung und Ausweitung des amerikanischen Imperiums im Alleingang zu lösen.«

Rußland habe sich unter Putin der »Einbindung« widersetzt, und in diesem Zusammenhang müsse auch der Ukraine-Konflikt betrachtet werden. Für Deutschland wünscht er sich einen Austritt aus der westlichen Allianz und eine stärkere Annäherung an Rußland. In seinem Buch gibt sich Daschitschew denn auch als glühender Verfechter einer Achse Paris – Berlin – Moskau zu erkennen.

Reformvorschläge

Breiten Raum nimmt in Von Stalin zu Putin die Auseinandersetzung des Autors mit den innenpolitischen und ökonomischen Fehlentwicklungen in Rußland unter Jelzin ein. Für ihn hat sich das Modell des »Rußland aufgezwungenen wilden Kapitalismus« als »verhängnisvoll« erwiesen. Ohne falsche Zurückhaltung benennt er klar und deutlich die schweren Fehler des kommunistischen Wirtschaftssystems, so wie er auch unmißverständlich feststellt: »Das Sowjetsystem gehört endgültig der Vergangenheit an.« Ebenso deutlich rechnet er aber auch mit dem Kapitalismus westlicher Prägung ab, der Rußland unter Jelzin an den Rand des Abgrunds geführt habe. Hierzu schreibt Daschitschew: »Der Niedergang Rußlands ist eine natürliche Folge des im Land eingeführten und von der Zeit überholten kapitalistischen Systems.« Es habe »zum Anwachsen von Spannungen in der Gesellschaft sowie zu sozialen und ethnischen Konflikten« beigetragen. Stattdessen plädiert er für einen »Dritten Weg« zwischen Kommunismus und Kapitalismus, in dem die Staatspolitik Vorrang vor Wirtschaftsinteressen hat.

PUTIN_RUSODaschitschew gibt am Ende seiner Abhandlung aber auch Vorschläge für eine innenpolitische Reform des heutigen russischen Systems. So wäre nach seiner Ansicht eine parlamentarische Republik eine bessere Form der Regierung als das bestehende Präsidialsystem. Hierzu heißt es in Von Stalin zu Putin: »Der totalitäre und auch autoritäre Charakter der personengebundenen Macht führt zu Willkür des Regenten und seiner Umgebung, zur Gesetzesübertretung und Mißachtung der Prinzipien der Volksherrschaft, zur Produktion von Gerichtsentscheiden und Ignorierung der wahren nationalen Interessen des Landes.« Der zu allen Zeiten unbequeme und eigenständige Denker Wjatscheslaw Daschitschew bleibt ein unabhängiger Geist. Genau das macht seine Ausführungen so interessant. Ein lesenswertes Buch!

Literaturhinweis:

Wjatscheslaw Daschitschew: Von Stalin zu Putin. Auf der Suche nach Alternativen zur Gewalt- und Herrschaftspolitik – Rußland auf dem Prüfstand, 580 Seiten, geb., Ares: Graz 2015. 69,90 €.

Im März 2015 fanden sich auf Einladung der russischen Rechtspartei »Rodina« Vertreter von rund zwei Dutzend patriotischen Parteien und Bewegungen zu einem Kongreß in St. Petersburg ein. Unter den Teilnehmern befanden sich auch die beiden Europaabgeordneten der griechischen »Goldenen Morgenröte« und der deutsche NPD-Abgeordnete Udo Voigt. DS-TV war vor Ort und zeigt in diesem Bericht exklusive Bilder aus St. Petersburg.

Der Filmtipp zum Thema: DS-TV 3-15: Die NPD zu Gast in Rußland

www.deutsche-stimme.tv

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