Polizeigewalt in der entsolidarisierten Schmelztiegel-Gesellschaft

In den USA schaukelt sich die Gewalt zwischen Polizei und Schwarzen weiter hoch Am Jahrestag der tödlichen Schüsse eines weißen Polizisten auf den Schwarzen Michael Brown in der US-Kleinstadt...

In den USA schaukelt sich die Gewalt zwischen Polizei und Schwarzen weiter hoch

Am Jahrestag der tödlichen Schüsse eines weißen Polizisten auf den Schwarzen Michael Brown in der US-Kleinstadt Ferguson kam es dort zu den erwarteten schweren Krawallen. Eine zunächst friedliche Gedenkfeier war in Gewalt umgeschlagen, die zur Verhängung des Ausnahmezustandes im gesamten Bezirk St. Louis im Bundesstaat Missouri führte. Ferguson ist Glied einer ganzen Kette von aufsehenerregenden Schüssen weißer Polizisten auf Schwarze, weshalb linksliberale »Intellektuelle« und »Bürgerrechtler« polemisch von einem »Krieg gegen schwarze Menschen« sprechen.

Ein Blick auf die Statistiken ergibt ein differenziertes Bild. Eine nicht mehr ganz taufrische Studie des US-Justizministeriums zu Schüssen von und auf Polizisten stammt aus dem Jahr 2001. Gestützt auf Datenmaterial der Jahre 1976 bis 1998 wurde untersucht, wie oft die Polizei schießt und wie oft auf sie selbst geschossen wird. Die Studie »Justifiable Homicide by Police, Police Officers Murdered by Felons« förderte Interessantes zutage: 1998 waren 87 Prozent der Polizisten in den USA weiß und 11 Prozent schwarz. Ungefähr 400 Menschen wurden jedes Jahr von Polizisten erschossen; ungefähr die Hälfte der Toten war weiß (56 Prozent) und die andere Hälfte schwarz (42 Prozent). In der Studie des Justizministeriums wurde die Zahl der Erschossenen auch in Beziehung zu ihrer ethnischen Gruppenzugehörigkeit gesetzt. Danach lebten 1998 in den USA 183 Millionen Weiße, von denen 225 durch die Polizei starben. Die schwarze Bevölkerung betrug 27 Millionen Menschen, und die Polizei tötete 127 davon. Nicht nominell, aber prozentual starben also mehr Schwarze als Weiße durch Polizeieinsätze.

In einem Beitrag für die Washington Times erbrachte auch die Journalistin Valerie Richardson den Nachweis, daß wesentlich mehr Weiße Opfer von Polizeigewalt werden als Schwarze. Sie erinnert an den Fall des Gilbert Collar. Er war ein 18-jähriger weißer Student an der Universität von South Alabama und wurde von einem schwarzen Polizisten erschossen. Collar war unbewaffnet wie Michael Brown aus Ferguson und dazu noch nackt und unter Drogeneinfluß stehend. Niemand habe der Polizei bei dieser Tötungsaktion »Rassismus« vorgeworfen, so die Autorin. Laut Richardson lag von Mai 2013 bis April 2015 der Anteil der Weißen, die getötet wurden, bei 49 Prozent, während 30 Prozent schwarze Hautfarbe hatten und 19 Prozent zu den Hispanics oder Latinos gerechnet wurden. Zwei Prozent waren asiatischer oder anderer Abstammung.

Fast alle Studien kommen zu dem Ergebnis, daß nominell am meisten Weiße, im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl aber mehr Schwarze von der Polizei erschossen werden. Tatsache ist aber eben auch, daß Schwarze überdurchschnittlich häufig kriminell und in schwere Gewalttaten verwickelt sind. Diese Alltagserfahrung läßt auch Polizisten ohne »rassistische« Vorbehalte schneller zur Waffe greifen, wenn sie es mit bestimmten Gruppen schwarzer Tatverdächtiger zu tun haben.

Police_issue_X26_TASER2010 veröffentlichten zwei renommierte Kriminologen der Northeastern University in Boston eine Studie über die Gewaltneigung junger schwarzer Männer. Demnach verharrte die Zahl der von weißen Teenagern begangenen Morde in den Jahren zwischen 2000 und 2007 auf demselben Niveau (539 Fälle im Jahr 2000, 547 in 2007). Hingegen stieg die Zahl der Morde mit schwarzen Tätern unter 18 Jahren von jährlich 851 auf 1142 Fälle – eine Steigerung um 34 Prozent. Dazu trug vor allem eine Zunahme der Tötungen mit Schußwaffen bei. Die Kriminalitätsentwicklung »afroamerikanischer« Jugendliche widerspricht der generellen Gewaltentwicklung: Laut FBI-Statistik ging die Zahl der Verbrechen 2007 leicht zurück. In diesem Jahr verhafteten die US-Behörden insgesamt 10 067 mutmaßliche Täter wegen Mordes oder Totschlags. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen (5078) waren Schwarze, die aber nur 13,4 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Das Problem amerikanischer Polizeigewalt ist ein allgemeines: in dieser sozial, aber auch geistig und rassisch zerrissenen Schmelztiegel-Gesellschaft herrscht seit jeher das Gesetz des Stärkeren und des Dschungels. In einer entsolidarisierten Kunstnation wie der amerikanischen gibt es oft nur ein Gegeneinander egoistischer Sozialatome anstelle eines Miteinanders. Das senkt in allen Bevölkerungsgruppen die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung und läßt den Staat – konkret: die Polizei – mit größter Härte vorgehen, um die brüchige Ordnung oberflächlich zu befrieden. Das trifft längst nicht nur Schwarze: Unlängst sorgte Polizeigewalt gegen einen Weißen in den USA für Aufsehen. Ein Fernsehsender filmte aus einem Hubschrauber, wie bis zu elf Polizisten in Südkalifornien einen Flüchtigen vom Pferd holten, ihn mit einem Teaser quälten, auf ihn eintraten, ihn unentwegt mit den Fäusten und mit Gummiknüppeln schlugen. Anschließend ließ man den Gepeinigten 45 Minuten am Boden liegen, bevor er in ein Krankenhaus gebracht wurde.

Moritz Altmann

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