Chaos am Tatort Eisenach

Nach spektakulären Zeugenaussagen im Thüringer Untersuchungsausschuß muß die Geschichte des NSU neu geschrieben werden Wer das NSU-Rätsel auflösen möchte, der hält hauptsächlich zwei Fäden in der Hand: zum einen...

Nach spektakulären Zeugenaussagen im Thüringer Untersuchungsausschuß muß die Geschichte des NSU neu geschrieben werden

Wer das NSU-Rätsel auflösen möchte, der hält hauptsächlich zwei Fäden in der Hand: zum einen die bis heute nicht einmal annährungsweise aufgeklärte Anwesenheit eines Beamten des hessischen »Landesamtes für Verfassungsschutz« am Tatort des letzten der sogenannten »Ceska-Morde« in einem Internetcafé am 6. April 2006 in der Holländischen Straße in Kassel, zum anderen die zahlreichen Merkwürdigkeiten am 4. November 2011, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil im Eisenacher Stadtteil Stregda zu Tode kamen und Beate Zschäpe wenig später als einzige Überlebende jenes mysteriösen »NSU« ihre Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße in Brand setzte.

Arne SchimmerArne_Schimmer

Die These vom Doppelselbstmord von Böhnhardt und Mundlos, die schnell nach dem 4. November 2011 in die Welt gesetzt wurde, erschien eigentlich noch nie plausibel. Wieso – so fragten sich viele Beobachter – sollten sich noch im April 2007 die beiden angeblichen Rechtsterroristen in Heilbronn geradezu tollkühn an einen Polizeiwagen herangeschlichen haben, um die Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter zu erschießen und den Streifenpolizisten Michael Arnold schwer zu verletzen, um sich einige Jahre später, im November 2011, beim Herannahen eines Streifenwagens in Eisenach trotz guter Fluchtmöglichkeiten und eines umfangreichen mitgeführten Waffenarsenals selbst umzubringen?

Der technisch unmögliche Selbstmord

Am 4. November 2013 Jahres wurde dann die N24-Reportage »Der NSU – Eine Spurensuche« ausgestrahlt, in der erstmals die Selbstmordthese in einem Medium mit größerer Reichweite massiv in Frage gestellt wurde. Der brandenburgische Waffenexperte Siegmund Mittag legte sich in der Sendung darauf fest, daß es Uwe Mundlos aus technischen und anatomischen Gründen schlichtweg unmöglich war, Selbstmord zu begehen. Laut der offiziellen Version der Ermittler soll Mundlos seinen »NSU«-Komplizen 1024px-HN-polizistenmord-gedenktafelBöhnhardt in einem Wohnmobil in Eisenach getötet haben. Anschließend soll er das Wohnmobil in Brand gesteckt und sich selbst erschossen haben. Diese Version kann laut Mittag aber schon aus technischen Gründen gar nicht zutreffen, denn bei der nachfolgenden Untersuchung des Tatorts wurden zwei ausgeworfene Patronen-Hülsen der Marke Brenneke gefunden. Dies ist deshalb so merkwürdig, weil es sich bei der Tatwaffe um eine Winchester 1300 handelt. Die Patronen bei diesen sogenannten Vorderschafts-Repetierflinten können nur einzeln nachgeladen werden, das heißt, eine neue Patrone kann nur dann ins Patronenlager eingeführt werden, wenn die Patronenhülse von der benutzten Vorgänger-Patrone manuell entfernt wurde, was eine starke Handbewegung erfordert. Die Patronenhülse fällt dann aus dem Lauf und erst dann wird die Waffe nachgeladen. Beim Tatort wurden aber zwei Patronenhülsen auf dem Boden gefunden, was in Verbindung mit den Selbstmorden technisch unmöglich ist. Der in der neuen Legislaturperiode eingesetzte Untersuchungsausschuß des Thüringer Landtages zum NSU-Phantom hat sich nun die Klärung der Abläufe in Eisenach-Stregda am 4. November 2011 zum Ziel gesetzt. Dies ist bislang absurderweise noch überhaupt nicht passiert, weder beim Prozeß gegen Beate Zschäpe vor dem OLG München noch im Zuge des vom Bundestag eingesetzten Untersuchungsausschusses noch bei den sonstigen Untersuchungen dieses Falls durch diverse Behörden – man ahnte wohl, daß eine zu genaue Untersuchung des letzten Tages im Leben von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu viele unerwünschte Antworten liefern würde. Tatsächlich haben schon die bisherigen Zeugenvernehmungen im Thüringer Landtag so viel Neues erbracht, daß die Geschichte des ganzen Falls mittlerweile neu geschrieben werden muß. So wurden Anfang Juni die Feuerwehrleute befragt, die das Eisenacher Wohnmobil gelöscht hatten – und zwar erstmals (!), weil dies bislang noch keine Behörde für nötig gehalten hatte. Diese berichten von einer massiven Anwesenheit von Zivilpolizisten am Tatort, obwohl die Feuerwehrleute bereits eine Viertelstunde nach Ausbruch des Feuers mit den Löscharbeiten begonnen. So hätten sich nach der Aussage eines Feuerwehrmanns innerhalb kurzer Zeit zwischen 20 und 30 Beamten am Brandort befunden, was absolut ungewöhnlich sei, da sich sonst selbst bei Unfällen mit Todesopfern nur bis zu sechs Beamten an den Ort des Geschehens begeben würden.

Eine gelöschte Speicherkarte

Der Einsatzchef der Feuerwehr gab außerdem an, daß die Speicherkarte der Kamera, mit der die Feuerwehr ihren Einsatz dokumentierte, und die auch Aufnahmen aus dem Inneren des Caravan enthalten hatte, von der Polizei beschlagnahmt wurde, wobei die Fotos auf der Speicherkarte von der Polizei später einfach gelöscht wurden. Schon dieser Vorgang ist im Grunde genommen absolut ungeheuerlich, denn hier wird die Vernichtung eines zentralen Beweismittels durch Amtsträger in einem der spektakulärsten und politisch folgenreichsten Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte bezeugt. Aber es kommt noch besser: Nach den Wahrnehmungen der Feuerwehrleute befanden sich nämlich die beiden Leichen in einer anderen CZ_83-JH01Position, als später in den Ermittlungsakten angegeben, und die Zeugen konnten sich auch an keine Feuerwaffen im Inneren des Caravans erinnern. Hier wird nun ein weiterer neuralgischer Punkt der »NSU-Story« berührt, denn die gesamte offizielle Darstellung des Generalbundesanwalts beruht ja auf dem Fund der Dienstwaffen der in Heilbronn ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter und ihres schwer verletzten Begleiters Martin Arnold sowie von deren Diensthandschellen in dem Caravan in Eisenach – insgesamt sollen in dem ausgebrannten Caravan acht (!) Feuerwaffen gefunden worden sein. Dieser Punkt sorgte bei Beobachtern des Falls schon lange für ungläubiges Staunen, denn warum sollten sich hochprofessionelle Schwerstkriminelle, die angeblich zehn Morde und mehr als ein Dutzend Banküberfälle begangen haben, mit derartig belastenden Beweisstücken, die die Urheberschaft an einem Polizistenmord belegen, ohne Not belasten und diese quer durch Deutschland kutschieren? Ist diese Ungereimtheit aber vielleicht dadurch erklärbar, daß der ausgebrannte Caravan erst nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt nachträglich »präpariert« wurde? Und warum verpflichtete der Amtsleiter der Eisenacher Feuerwehr alle beteiligten Einsatzkräfte sowohl der Berufsfeuerwehr als auch der freiwilligen Feuerwehr zu absolutem Stillschweigen ‒ nur nicht gegenüber den Ermittlungsbehörden, die sich dann aber merkwürdigerweise nie meldeten?

Ein mysteriöser sächsischer Besucher

Geradezu phantastisch klingen auch die Aussagen eines Abschleppunternehmers, die dieser in der Sitzung des Untersuchungsausschusses vom 27. August machte. Dieser hatte am 4. November 2011 den Auftrag bekommen, den ausgebrannten Caravan auf sein Firmengelände zu schleppen, und zwar mit den beiden Leichen, die sich weiter im Innenraum des Caravans befanden (!). So einen Auftrag habe er noch nie ausführen müssen, beteuerte der Mann, er habe sich aber den Anordnungen der Polizei gefügt, und sei im Nachhinein verärgert darüber, daß er wohl ein regelrechtes Waffenarsenal abgeschleppt habe. Natürlich wurde durch die 40-Grad-Position, in die der Caravan durch den Abschleppvorgang gebracht wurde, der gesamte Tatort völlig verändert. Aber es wird alles noch viel phantastischer: Der Abschleppunternehmer sagte weiter ungefragt aus, daß in den Tagen, in denen der Caravan nun auf seinem Hof stand, der sächsische Innenminister unerkannt mit seinem Dienstwagen nach Eisenach gekommen sei. Trotz einer Reihe völlig ungläubiger Nachfragen blieb der Abschleppunternehmer bei seiner Aussage, und, ja, der Minister sei mit seinem Dienstwagen gekommen und wortwörtlich: »Er kam mit Fahrer und saß hinten rechts.« Wirklich stutzig macht einen nun die Reaktion des sächsischen Innenministeriums auf diese Zeugenaussage, die noch am 27. August 2014 erfolgte: Eine Sprecherin des sächsischen Innenministeriums dementierte zwar einen Besuch des Innenministers Markus Ulbig in Eisenach, wollte aber ausdrücklich nicht ausschließen, daß es sich um eine andere ranghohe Person aus dem Innenministerium gehandelt haben könnte. Es wundert einen schon gar nicht mehr, daß in der Sitzung vom 27. August dann auch noch die Gerichtsmedizinerin Professorin Else-Gitta Mall, die Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Jena, aussagte, daß sie mit zwei Kollegen am 4. November nur eine Stunde nach dem Brand am Tatort anwesend war, dann aber das Wohnmobil nicht betreten habe, sondern nur von außen einen Blick hineingeworfen habe, um dann den Brandort unverrichteter Dinge wieder zu verlassen. Dies bedeutet, daß selbst eine Feststellung des Todes von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt durch einen Mediziner nicht erfolgt ist. Es gibt viele Gründe, aus denen die Thüringer LINKEN-Abgeordnete Katharina König auf politischer Ebene abzulehnen ist – aber ihre in der Ulmer Südwest-Presse* zitierte Aussage, »daß natürlich der Verfassungsschutz in den NSU verwickelt war und etwas mit den Morden zu tun hatte«, trifft genau ins Schwarze. Diese Aussage ist nun durch die Arbeit des Thüringer Untersuchungsausschusses wieder ein Stück beweisbarer geworden. Im »Fall NSU« ist die Maske des »Rechtsstaats Bundesrepublik Deutschland« gründlich verrutscht und dahinter das Antlitz einer Bananenrepublik kenntlich geworden.

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