Zarathustras Flüche gegen Herdentrieb und Gleichheitswahn

Vor 115 Jahren verstarb der deutsche Geistesaristokrat Friedrich Nietzsche Friedrich Nietzsche entwarf mit seiner Buchfigur »Zarathustra« einen wortgewaltigen Ankläger des modernen Nihilismus, für den er gleichermaßen das Christentum, den...

Vor 115 Jahren verstarb der deutsche Geistesaristokrat Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche entwarf mit seiner Buchfigur »Zarathustra« einen wortgewaltigen Ankläger des modernen Nihilismus, für den er gleichermaßen das Christentum, den Liberalismus und den Sozialismus verantwortlich machte.

Jürgen Gansel

In jungen Jahren Jahren verläßt Zarathustra – Nietzsches Zentralfigur – seine Heimat und geht ins Gebirge. In der Einsamkeit der Bergwelt grübelt er über das Wesen seiner Zeit nach und kommt zu der folgenreichen Einsicht, daß Gott tot sei und eine neuaristokratische Vision zu stiften sei, um die allgegenwärtige Dekadenz zu überwinden. Nach 10 Jahren der Einsiedelei beschließt Zarathustra, wieder zu den Menschen herabzusteigen und seine Botschaft zu verkünden. »Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden? Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehen, als den Menschen überwinden?«

So beginnt die philosophische Dichtung »Also sprach Zarathustra«, die zurecht als Nietzsches Hauptwerk gilt und ihren Verfasser endgültig zu einem Elementarereignis der Geistesgeschichte machte. Die Essenz seines Denkens ist hierin enthalten: der Wille zur Macht, die ewige Wiederkehr des Gleichen, die Lehre vom Übermenschen und das Wissen um die naturgegebene Ungleichheit der Menschen.

Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen geboren. Vermutlich gerade weil er in eine frömmlerisch-protestantische Pfarrerfamilie hineingeboren wurde, zweifelte er früh am Christentum, das den Menschen durch geschürte Sündenangst und Höllendrohung das – so seine Analyse – diesseitige Leben verleide, um erst dadurch ein besseres im Jenseits versprechen zu können. Schon der junge Friedrich zog sich in die Einsamkeit zurück, mied die Gesellschaft gewöhnlicher Menschen und kultivierte das Bewußtsein des Andersseins. Bereits hier scheint das berühmte Zarathustra-Motiv auf. Nach einer nicht sonderlich glücklichen, mäßig erfolgreichen Schulzeit nahm Nietzsche im Jahr 1864 ein Studium der Theologie und alten Sprachen in Bonn auf, das er im Folgejahr in Leipzig fortsetzte.

Der Studiosus entdeckte für sich die Schriften Arthur Schopenhauers, die ihm wie ein Spiegel seiner eigenen Seele erschienen. Schopenhauer brachte als erster einen betont pessimistischen Zug in die deutsche Philosophie. Er hielt die Erde für ein großes Jammertal, aus dem weder das Christentum noch die aufklärerische Vernunft einen Weg weisen kann. Während Nietzsche von Schopenhauer die Idee des Willens als Weltprinzip aufnahm, ihr aber eine lebensbejahende Wendung gab, elektrisierte ihn an Richard Wagner der Geniekult und die von Mythen und Helden getragene Kraft seiner Musikdramen. 1868 lernte Nietzsche den Komponisten kennen, woraus ein Freundschaftsverhältnis erwuchs, das zehn Jahre später aber im heillosen Zerwürfnis endete.

Professor mit 24 Jahren

1869 wurde der gerade einmal 24-Jährige als außerordentlicher Professor der klassischen Philologie nach Basel berufen. Zuvor hatte er als Feldartillerist seinen Militärdienst abgeleistet. 1872 erschien seine Schrift »Geburt der Tragödie«, mit der er den Weg des prophetischen Philosophen einschlug. Der Autor spürte darin den dionysischen Idealen der griechischen Tragödie nach und attackierte den sokratischen Geist. Dem Frühaufklärer Sokrates warf er vor, mit seinem rationalistischen Gedankensystem das antike Lebensgefühl – und damit das heidnische Schönheitsideal, das tragische Heldentum und den Mythos – abgetötet zu haben. Im Christentum glaubte er nur eine Spielart dieses abstrakten und daher lebensverachtenden Geistes zu erkennen.

Wie viele Zeitgenossen, die dem platten Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts fremd gegenüberstanden, zog Nietzsche eine Verbindungslinie von hellenischem und deutschem Geist: »Umso fester halten wir an dem deutschen Geiste fest, der sich in der deutschen Reformation und in der deutschen Musik offenbart hat und der in der ungeheuren Tapferkeit und Strenge der deutschen Philosophie und in der neuerdings erprobten Treue des deutschen Soldaten jene nachhaltige, allem Scheine abgeneigte Kraft bewiesen hat, von der wir auch einen Sieg über jene modische Pseudokultur der ›Jetztzeit‹ erwarten dürfen.« In diesen Worten kündigte sich eine elitäre Kulturkritik an, die in den späteren Jahren immer mehr verschärft wurde. Darin eingeschlossen war übrigens eine scharfe Abrechnung mit den politischen Zuständen in Preußen-Deutschland, in denen der Denker eine Bedrohung des deutschen Geistes sah.

1879 mußte Nietzsche sein Lehramt an der Universität Basel wegen gesundheitlicher Beschwerden aufgeben. Bis zu seinem Tod am 25. August 1900 wechselten sich Phasen rastlosen Schaffens mit Momenten tiefer Verzweiflung und körperlichen Siechtums ab. In seinen Werken »Unzeitgemäße Betrachtungen«, »Menschliches, Allzumenschliches«, »Jenseits von Gut und Böse«, »Zur Genealogie der Moral«, »Götzendämmerung«, »Der Antichrist« und »Ecce homo« entfaltete er seine Lehre, mit der Dekadenz und Nihilismus überwunden werden sollten.

Gegen Dekadenz und Nihilismus

Der Nihilismus, also die destruktive Verneinung aller ewigen Werte, ist nach Nietzsche das Produkt des Christentums. Nur im Antichristen erblickte er den Antinihilisten, der zu neuen Ufern weisen kann. Den Glauben an den Gekreuzigten sah er als eine Art Pöbelaufstand gegen die Welt der »höheren Menschen«, als Religion, die den Menschen zum Sünder erniedrigt und in seinen Lebensinstinkten schwächt. Im »Zarathustra« forderte der Pfarrersohn seine Mitwelt auf, »nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern ihn frei zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schafft«. Diese Mission der fröhlichen Diesseitsbejahung und heroischen Lebensbewältigung übertrug er dem »Übermenschen«. Dabei schüttete Nietzsche aber das Kind mit dem Bade aus und erteilte jeder Transzendenz eine Absage (»Tot sind alle Götter«).

Raunend wie ein Prophet war Nietzsches Ton, prophetisch war aber auch seine Warnung vor dem Niedergang Europas durch selbstzerstörerische Gleichheitsideologien und falsche Humanitätsduselei. Hellsichtig sah er den geistlosen, schwächlichen und wohlstandsgierigen »letzten Menschen« heraufdämmern. »Es ist an der Zeit, daß der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, daß der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze. Noch ist sein Boden dazu reich genug«, mahnte der Feuerkopf. »Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selbst nicht mehr verachten kann. Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.«

Warnung vor den Gleichheitspredigern

Schuldig für diese Selbstverkleinerung des Menschen sprach Nietzsche die Gleichheitsprediger christlicher, demokratischer und marxistischer Provenienz. Zu den »Taranteln«, die ihr egalitäres Gift verspritzen, meinte er: »Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und verwechselt sein. Denn so redet mir die Gerechtigkeit: ›die Menschen sind nicht gleich‹.« Was hätte Nietzsche wohl zum heutigen Gender-Feminismus gesagt, der alle natürlichen Geschlechteridentitäten und traditionellen Rollenbilder zwischen Mann und Frau zerstören will, um ein kinder-, geschlechts- und identitätsloses Retortenwesen zu schaffen? Oder was wäre »Friedrich dem Unzeitgemäßen« wohl zur heutigen Asylanten-Verhätschelung und ethno-kulturellen Selbstverleugnung durch Kirchen und andere Gutmenschen-Milieus eingefallen? Ganz sicher nichts Gutes!

Durch das gesamte Philosophenwerk zieht sich die Forderung nach einem »neuen Adel«, nach Rangverhältnissen, die der Ungleichheit des Menschen Rechnung tragen und die Vermassung zurückdrängen. »Viele wegzulocken von der Herde – dazu kam ich.« Kraft seiner seherischen Ader war dem Dichterdenker klar, daß das moderne Zeitalter den Herdenmenschen (den »letzten Menschen«) in Serie gebären wird. Das Endprodukt dieser Entwicklung ist der konsumdressierte Welteinheitsmensch dieser Tage.

Nietzsche: »Werdet hart!«

Eingebettet ist die Lehre von Übermensch, Machtwillen und Gottestod in eine faszinierende, tragisch-heroisch zu nennende Geschichtsphilosophie. Jenseits von christlicher Heilsgeschichte und liberal-marxistischer Fortschrittsgläubigkeit formte Nietzsche den Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Danach gibt es keine lineare Entwicklung zu »besseren« Gesellschaftsverhältnissen, sondern Krisen, Kriege und Leid kehren immer wieder. An dieser Einsicht nicht zu verzweifeln, sondern das Leben als Ganzes zu bejahen und an den Herausforderungen zu wachsen, ist der Auftrag des Übermenschen. »So will ich mein Schicksal. Wohlan! Ich bin bereit«, trotzte der Philosoph auch seinen eigenen gesundheitlichen Leiden und befahl: »Werdet hart!« Deshalb verwundert es nicht, daß viele deutsche Soldaten des Ersten Weltkrieges den »Zarathustra« statt der Bibel im Feldgepäck trugen und solcherart angefeuert in den Stahlgewittern standen.

Der Schöpfer des »Zarathustra« hat ein tiefgründiges und visionäres Lebenswerk hinterlassen, das zudem in einer berauschenden Sprache mit direkter Ansprache, Beschwörungen und geschliffenen Aphorismen verfaßt war. Gottfried Benn stellte deshalb fest: »Für meine Generation war er das Erdbeben der Epoche und seit Luther das größte deutsche Sprachgenie.« Und Ernst Jüngers Privatsekretär Armin Mohler würdigte Nietzsche als »großen Richter seiner Zeit«.

Nietzsche war der größte Diagnostiker und Überwinder des europäischen Nihilismus. Deshalb wäre er heutzutage, wo die organischen Gemeinschaftsstützen von Familie, Volk und Kultur durch forcierte Egalisierungs- und Internationalisierungsprozesse tödlich bedroht sind, noch viel, viel nötiger als zu seiner Zeit, die im Rückblick fast als heile Welt erscheint.

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