Gysis Abgesang

Das Sommerinterview der ARD wird voraussichtlich das letzte mit Gregor Gysi als Vorsitzendem der Linksfraktion im Bundestag gewesen sein. Im Herbst sollen ihm Sarah Wagenknecht und Dietmar Bartsch als...

Das Sommerinterview der ARD wird voraussichtlich das letzte mit Gregor Gysi als Vorsitzendem der Linksfraktion im Bundestag gewesen sein. Im Herbst sollen ihm Sarah Wagenknecht und Dietmar Bartsch als „Doppelspitze“ folgen, wenn parteiintern alles wie geplant läuft.

Als „Oppositionsführer“, ohne wirklichen Einfluss auf die bundesdeutsche Politik, war zu erwarten, dass er die Große Koalition kräftig unter Beschuss nimmt. Grund dafür gibt es genug, denn sowohl die Griechenlandkrise als auch die ungebremste Zuwanderung harren einer Lösung.

Es kam jedoch wie es kommen musste. Wortgewandt kritisierte das eine oder andere Problem, immer darum bemüht, die Aufmerksamkeit der Zuhörer und die Zustimmung seiner Wähler zu erhalten. Allzu weh durfte die Schelte – wie immer – nicht ausfallen, denn Gregor Gysi möchte auch künftig von den gebührenbezahlten öffentlich-rechtlichen Sendern eingeladen werden. Dass seine Partei, die SED-PDS-LINKE überhaupt noch existiert, verdankt sie schließlich nicht zuletzt seinem Wirken und der Fähigkeit, echte Opposition möglichst rauchfrei zu entsorgen.

Zur Asylkrise spielte er die bekannten Karten aus: Kriminelles Handeln im Umfeld von Heimen reduzierte er auf Ausländerfeindlichkeit. Das Treiben mancher Insassen fand keine Erwähnung, ebenso die Tatsache, dass eine ganze Reihe von Fällen wie die Brandstiftungen in Tröglitz, Meißen und anderswo noch gar nicht geklärt sind. Nicht fehlen durfte auch die Kritik an der deutschen Beteiligung an internationalen Konflikten. Damit liegt er zwar nicht falsch. Wenn diese Kritik jedoch ohne Hinweis auf die politische Abhängigkeit der Bundesrepublik von den USA daherkommt, dann fehlt ihr ein zentrales Moment. 2013 war Gregor Gysi schon einmal weiter, als er im Bundestag am über Deutschlands Nicht-Souveränität und den NSA-Skandal sprach und dabei auch das Stichwort „Vasallenstaat“ fiel.

Stattdessen klagte er wieder einmal über die profitablen deutschen Waffenlieferungen in Krisengebiete. Wer konkret den finanziellen Rahm dabei abschöpft, ließ er offen. Obendrein dürfte es auf eine Milchmädchenrechnung hinauslaufen, zu glauben, ohne deutsche Waffen gäbe es keine Kriege mehr. Als wenn es nicht Rüstungsfirmen in anderen Ländern gäbe, die sofort einspringen könnten!

Natürlich durfte der Hinweis auf die ach so schlimme deutsche Geschichte nicht fehlen. Damit meint allerdings nicht die Historie seiner Partei und ihres Staates oder seine eigene Biographie, die oft – aber anscheinend nicht oft genug – Zielscheibe grundlegender Kritik waren. Außerdem müsse die Gesellschaft dafür sorgen, dass Ängste gegenüber den Fremden abgebaut werden, bestenfalls gar nicht erst entstehen. Seine Sprechblase „Wir müssen alle einen Beitrag zu viel mehr Normalität leisten“ blieb ohne eine Erläuterung, was er sich unter „Normalität“ vorstellt.

Völlig absurd wurde es, als Gysi eine selbst gemachte Erfahrung zum Besten gab: „Dort wo wirklich Muslime leben, wird nicht rechtsextrem gewählt. Aber dort wo keine leben und wo so eine abstrakte Angst davor besteht, da passiert das.“ Natürlich wählt in völlig überfremdeten Gebieten kaum noch jemand national, weil ganz einfach die Wähler hierfür fehlen oder die letzten Deutschen in Resignation verfallen sind. Und dort, wo Zustände wie in Berlin-Neukölln noch zu verhindern sind, erwächst am ehesten der Widerstand.

In der Griechenland-Frage steckt die LINKE in einer Zwickmühle. Einerseits möchte man seine politischen Freunde in Athen nicht vergrätzen, andererseits kann man den eigenen Parteimitgliedern keine Zustimmung zu weiteren Hilfen zumuten. Deshalb sind die Kosten für die Eurorettung, die Zins- und Inflationsverluste der deutschen Sparer, Rentner und Arbeitnehmer für Gysi kein Grund zur Klage. Stattdessen zaubert er eine Zahl von 100 Milliarden Euro aus der Tasche, die als Gewinn aus der Krise zu Buche schlagen soll. Ja wenn es tatsächlich Gewinner aus der Finanzkrise gibt, warum nennt er sie nicht konkret beim Namen? Sind diese Herrschaften international zu gut vernetzt, um sich mit ihnen offen anzulegen?

Abschließend kann man Gregor Gysi vorbehaltlos zustimmen, wenn er meint: „Wir haben alle versagt! Mich eingeschlossen“. (Man möge uns verzeihen, dass wir das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen haben. Das macht man mit uns öfters, wir geben es im Gegensatz zu den Qualitätsmedien aber zu.)

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