Zeit des Erwachens?

„Wir wollen hier kein Neukölln“, so überschreibt die „Sächsische Zeitung“ heute einen ihrer Artikel und setzt dann fort: „Die Lampertswalder wollen keine Flüchtlinge im Ort haben. Sachsens Ausländerbeauftragter kann...

„Wir wollen hier kein Neukölln“, so überschreibt die „Sächsische Zeitung“ heute einen ihrer Artikel und setzt dann fort: „Die Lampertswalder wollen keine Flüchtlinge im Ort haben. Sachsens Ausländerbeauftragter kann die Ängste nachvollziehen und kritisiert die Politik.“ Ist jetzt etwa die Revolution ausgebrochen oder haben wir sonst etwas verpaßt? Keine Sorge, der Artikel steht in der Regionalausgabe Meißen und ist im Netz nur für Abonnenten lesbar. Interessant ist der Vorgang dennoch.

Seit Monaten brodelt es in der 2600 Seelen-Gemeinde Lampertswalde östlich von Großenhain in Sachen Asyl. So stark, daß der örtliche Landtagsabgeordnete Sebastian Fischer (CDU) die Bürger zum Gespräch lud. Zur Verstärkung hatte er seinen Parteikollegen, den Ausländerbeauftragten Geert Mackenroth (Foto) mitgebracht, der die Kritik an der aktuellen Asylpolitik nicht etwa zurückwies oder nach Politikerart zerredete, sondern mit Zahlen untersetzte. So konnten die erstaunten Zuhörer erfahren, daß allein von Januar bis Mai dieses Jahres in Sachsen 8373 Asylanträge gestellt worden seien, was jetzt schon über 1000 mehr als 2014 im gesamten Jahr sind. Hinzu käme eine Verfahrensdauer von bis zu 24 Monaten, was viel zu lang sei. Klare Worte fand er auch zum Treiben der Schlepperbanden auf dem Balkan, der überproportionalen Aufnahme von „Flüchtlingen“ in Deutschland und der europäischen Asylpolitik insgesamt: „Wir machen zurzeit mehr Fehler als etwas richtig.“

So ganz konnte sich der CDU-Politiker dann aber doch nicht von seiner lang eingeübten Rolle verabschieden. Auf das Thema „Parallelgesellschaften in Berlin“ angesprochen, behauptete er, die Bundesregierung tue alles dafür, um nicht solche Entwicklungen, wie sie aus französischen Vorstädten bekannt seien, zuzulassen und versuchte seine Zuhörer mit den Worten zu beruhigen: „Bis hier Kreuzberger Verhältnisse herrschen, fließt noch viel Wasser die Elbe runter.“ Sein Vorgänger, Prof. Martin Gillo, äußerte sich bereits 2012 bekanntermaßen wesentlich deutlicher:

„Ab 2035 beginnt ein neues Zeitalter! Es wird ein Zeitalter sein, in dem wir Herkunftsdeutschen in unserem Land die Minderheit darstellen werden. Wie werden wir dann behandelt sein wollen? Freundlich, höflich und dazugehörig zu den Zukunftsdeutschen? Oder werden wir uns damit zufriedengeben, als geschützte Minderheit zumindest geduldet zu werden?“ Mit politischem Handeln im Sinne des Amtseids hat das alles nichts zu tun. Hier unterscheiden sich der Amtsinhaber und sein Vorgänger nur in der Wahl der Worte.

Wie dem auch sei, zumindest in Lampertswalde konnten die Bürger offen ihre Meinung kundtun. So betonte Gemeinderat Bernd Richter, er werde im Fall der Fälle immer gegen eine Unterbringung im Ort votieren. „Denn das in unserer Gegend keine Flüchtlinge untergebracht werden sollen, ist die Sicht des überwiegenden Anteils unserer Bevölkerung.“ Eine Position übrigens, deretwegen unser Chefredakteur Peter Schreiber nicht zur Bürgermeister-Wahl in Strehla antreten durfte!

Eine Revolution ist noch nicht in Sicht, dafür jedoch eine Entwicklung, die jeden Tag neue Fakten bringt. In Ungarn wird ein Zaun an der Grenze zu Serbien gebaut, Frankreich schützt sein Hoheitsgebiet vor illegalen Einreisen aus Italien und in der Schweiz ticken die Uhren ohnehin anders. Offene Gespräche wie in Lampertswalde sind wie die zahlreichen Protestkundgebungen gegen neue Asylantenunterkünfte Anzeichen dafür, daß auch in unserem Land etwas in Bewegung kommt.

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