Invasion auf Booten

Die Medien sind seit Wochen mit tränenreichen Berichten über Flüchtlinge angefüllt, die mit kaum seetüchtigen Schiffen auf den Meeren unterwegs sind. Während vor den Küsten Italiens Rettungskräfte zur Verfügung...

Die Medien sind seit Wochen mit tränenreichen Berichten über Flüchtlinge angefüllt, die mit kaum seetüchtigen Schiffen auf den Meeren unterwegs sind. Während vor den Küsten Italiens Rettungskräfte zur Verfügung stehen,  um in Seenot geratenen Menschen an Land zu bringen, werden sie von den Anrainern des Indischen Ozeans oft nur notdürftig versorgt und dann wieder aufs Meer geschickt. In der Vielzahl dieser Meldungen geht oft unter, worin die Ursachen dieser dramatischen Vorgänge liegen. Auch in der Praxis bleiben die Reaktionen meist im Kurieren an den Symptomen stecken.

Die Bootsflüchtlinge vor Südostasiens Küsten gehören der Minderheit der Rohingya an, die überwiegend aus Myanmar, dem früheren Birma/Burma stammen. Als Grund für das Verlassen der Heimat wird ihr Bekenntnis zum Islam genannt, was in dem mehrheitlich buddhistisch orientierten Land zu systematischer Diskriminierung geführt hat. Doch es gibt auch ethnische Gründe. Ihr Volk ist mit den in Bangladesch (bis 1971 Ostpakistan, bis 1947 britische Kronkolonie Indien) lebenden, zur indoarischen Sprachfamilie gehörenden Bengalen verwandt. Sie sind daher auch optisch von den anderen Völkern Myanmars unterscheidbar, die überwiegend in sino-tibetischen Sprachen verständigen. Der sonst so schnell erhobene Vorwurf des „Rassismus“ fehlt dennoch in den Meldungen.

Auch über die Herkunft der Rohingya wird gestritten. Sie selbst sehen sich als rechtmäßige Bewohner der Verwaltungseinheit  Rakhaing-Staat, die seit mindestens 1000 Jahren hier leben. Andere Quellen sprechen davon, daß sie erst in der Zeit der britischen Kolonialherrschaft aus Bengalen zugewandert seien. Aber auch in diesem Fall wären sie seit 150 Jahren und somit seit mehreren Generationen ansässig. Dennoch gelten sie als „illegale Einwanderer“, denen seit 1982 die Staatsbürgerschaft verweigert wird.

Seit den 1940er Jahren schwelt der Konflikt zwischen den Rohingya und den jeweiligen Zentralregierungen, unabhängig davon, ob sie demokratisch zustande gekommen waren oder als Ergebnis militärischer Putsche. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die zur massenhaften Flucht nach Bangladesch und andere asiatische Staaten führten. Seit Ende der Militärdiktatur 2011 sollen Berichten zufolge „radikale buddhistische Mönche“ den Haß schüren und immer wieder gezielt Gewalt gegen die Volksgruppe anfachen. Bei den Unruhen im Jahr 2012 kamen mehr als 70 Menschen um, 140 000 Rohingya wurden aus ihren Häusern vertrieben und von den Behörden in Lagern untergebracht, deren Ruf schlechter nicht sein könnte.

So richtig es ist, Menschen in Seenot zu helfen: Der Schlüssel für die Lösung der Probleme liegt in Myanmar selbst. Mit wenig mehr als 50 Millionen Einwohnern und einer Fläche, die fast doppelt so groß ist wie die der Bundesrepublik Deutschland sollte es trotz z.T. ungünstiger klimatischer Verhältnisse möglich sein, der Probleme Herr zu werden. Zudem lebt hier mit Aung San Suu Kyi eine weltbekannte Politikerin, die als „außerordentliches Beispiel für Zivilcourage“ im Jahr 1991 den Friedensnobelpreis verliehen bekam. Vielleicht sollte sie ihn jetzt wieder abgeben, denn bislang war nichts von ihr zu hören, was auf einen ernsthaften Einsatz zur Lösung der Krise hätte beitragen können. Eine Aufforderung, den Rohingya die Staatsbürgerschaft „anzubieten“, ließ sie jetzt über ihren Sprecher an die Regierung von Präsident Thein Sein richten. Diese substanzlose Aktion war dennoch Anlaß für den ARD-Korrespondenten Udo Schmidt, die Schlagzeile „Suu Kyi setzt sich für Rohingyas ein“ in die Welt zu setzen.

An der realen Situation der geflüchteten, eingesperrten oder auf dem Meer treibenden Minderheit ändert das nichts. Und den westlichen Staaten reicht es scheinbar völlig aus, wenn in Myanmar jetzt so etwas wie „Demokratie“ installiert und vor allem der „freie Handel“ endlich möglich wird. Aung San Suu Kyi gilt als einer der Garanten dafür, außerdem möchte sie die für dieses Jahr anstehenden Wahlen gewinnen und kann es sich nicht mit der Mehrheitsbevölkerung verscherzen.

Völlig außen vor bleibt bei all diesen Betrachtungen die Frage, inwieweit die Rohingya selbst zur Eskalation beigetragen haben könnten. Probleme mit religiösen Minderheiten, insbesondere, wenn sie dem Islam anhängen, gibt es bekanntlich häufiger. Und es stellt sich zum wiederholten Male die Frage, wo die Solidarität der reichen arabischen Ölstaaten bleibt, wenn ihre Glaubensbrüder in Gefahr geraten. Gegen eine selbst verursachte Verfolgung spricht allerdings die Tatsache, daß auch die christlichen Karen zu Hunderttausenden vertrieben wurden. Sie leben heute in Thailand oder als Binnenflüchtlinge in Myanmar selbst.

Aktuellen Meldungen zufolge hat sich Malaysia nun zur Rettung von Bootsflüchtlingen entschlossen. Allerdings kam dieser Sinneswandel auf internationalem Druck hin zustande und beinhaltet auch nur die Bereitschaft zu einer vorübergehenden Aufnahme. Ähnliche Erklärungen gaben Regierungskreise aus Indonesien ab. Mit einer Rückkehr in die Heimat ist trotz entsprechender Programme kaum zu rechnen, zumal schwer feststellbar ist, ob sie aus Myanmar oder aus Bangladesch stammen. Sie werden eher die Zahl der Billigarbeiter in den asiatischen „Tigerstaaten“ vergrößern, deren Lebensumstände oft denen von Sklaven ähneln. Einer Weiterflucht nach Australien steht die ebenso rigide wie effektive Abschottungspolitik der australischen Regierung entgegen. Bleibt zu hoffen, daß den Rohingya nicht Jean Raspails bekannter Roman „Das Heerlager der Heiligen“ in die Hände fällt und sie sich auf den Weg nach Europa machen.

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