Ein deutscher Revolutionär

Leben und Wirken Rudi Dutschke wird am 7.März 1940 in Schönfeld bei Luckenwalde in der Mark Brandenburg geboren. Durch seine Mutter hat er eine positive Bindung zum Christentum und...

Leben und Wirken

Rudi Dutschke wird am 7.März 1940 in Schönfeld bei Luckenwalde in der Mark Brandenburg geboren. Durch seine Mutter hat er eine positive Bindung zum Christentum und engagiert sich in der evangelischen „Jungen Gemeinde“. Dutschke verweigert den Dienst in der Nationalen Volksarmee und wird daher nicht zum Studium zugelassen. Auch sein sportliches Talent wird nicht gefördert, obwohl er ein guter Zehnkämpfer mit Bestwerten ist.

Safet Babic

Dafür macht er eine Lehre als Industriekaufmann. Er wiederholt sogar das Abitur in Westberlin, um1961 an der FU ein Soziologiestudium zu beginnen. 1963 stößt er zur „Subversiven Aktion“. Ab 1965 übernimmt er im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) die Führungsrolle. Der SDS war früher die Hochschulorganisation der SPD und wurde 1961 wegen kommunistischer Unterwanderung bald als unvereinbar mit der SPD eingestuft. Im SDS bekommt er bald den Spitznamen „Putscke“. Angelehnt an die sozialpsychologischen Theorien der „autoritären Persönlichkeit“ von Adorno glaubt Dutschke , daß der Antikommunismus in der BRD eine Fortführung des Antisemitismus der NS-Zeit wäre.

Dutschke glaubt an die gesellschaftliche Änderung und besaß eine visionäre Begeisterungsfähigkeit. Er las bis zu 15 Stunden am Tag und verschaffte sich damit ein enormes theoretisches Fundament. Durch seine rhetorische Begabung und charismatische Ausstrahlung wurde er zum ausdrucksstarken Sprachrohr der linksradikalen Studentenbewegung.

Der SDS kämpfte für die Überwindung „spät“-kapitalistischer und imperialistischer Herrschaftsverhältnisse. Als Ziel wurde die Utopie eines demokratischen und freiheitlichen Sozialismus propagiert. Dabei wurde der Parlamentarismus als unbrauchbar und Politiker als „institutionalisierte Lügeninstrumente“ bezeichnet. Daher wurden bürokratische Apparate und „Berufspolitiker“ abgelehnt. Der SDS berief sich ausdrücklich auf die Pariser Kommune von 1871 als Vorbild. Durch weltweite Vernetzung sollten Informationen strukturiert und durch Aktionen und systematische Aufklärungsarbeit eine Gegenöffentlichkeit hergestellt werden.

Ganz ohne Organisation kamen aber auch die Anti-Autoritären nicht aus. So wurde als Anlaufpunkt Ende 1967 ein Internationales Nachrichten – und Forschungsinstitut (INFI) gegründet. Hier bewahrheitet sich die leninistische Kernsatz: „Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis!“ Gerade für die oftmals theoriefeindliche deutsche Rechte eine beachtenswerte Feststellung. Dutschke beteiligt sich an zahlreichen „antifaschistischen“ und anti-imperialistischen Aktionen. Obwohl der SDS nie mehr als 2500 Mitglieder hatte, prägte er mit Dutschke im Führungskollektiv die westdeutsche Studentenbewegung und trug rhetorisch zu ihrer Massenmilitanz bei. Der Vordenker der „Frankfurter Schule“, Habermas, unterstellte daher Dutschke einen „linken Faschismus“.

Die außenpolitischen Entwicklungen werden zum Spiegelbild des eigenen politischen Bewußtseins. Gerade der brutale Krieg der USA gegen die Vietnamesen empörte das Gerechtigkeitsempfinden vieler junger Deutscher. Der Austritt aus der NATO wurde gefordert. Ohne die starke APO wären vielleicht deutsche Soldaten auch nach Vietnam geschickt worden. Die internationale Rolle der BRD wird hinterfragt und Risse in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich gemacht.

Als bei den Protesten gegen den Schahbesuch am 2.Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten in Westberlin erschossen wird, gibt es einen deutlichen Radikalisierungsschub in der linken Studentenschaft. Heute weiß man, daß der Polizeischütze für die STASI arbeitete. Welche Rolle aber westliche Geheimdienste in Berlin spielten, dürfte noch lange nicht vollständig aufgeklärt sein. Schließlich war eine auf Wiedervereinigung ausgerichtete Bewegung insbesondere für die USA ein Dorn im Auge.

Als geerdeter Familienmensch war Dutschke kein Freund der freien Liebe und der szenetypischen Gossensprache, sondern heirate 1966 ganz bürgerlich die Amerikanerin Gretechen Klotz und drückte sich sehr akademisch aus. Mit den „Haschrebellen“ der Kommune 1 konnte er politisch wenig anfangen.

Arbeiterbewegung ohne Arbeiter

Die linken Theoretiker der 1968er-Bewegung postulierten eine proletarische Weltrevolution. Allerdings ließ sich die Arbeiterklasse in Westdeutschland von den studentischen Kadern mit ihrer gestelzten akademischen Sprache nicht mobilisieren. Im Gegenteil. Klaus Rainer Röhl, der ehemalige Gründer des kommunistischen Monatsmagazines „konkret“ und Ex-Mann der RAF-Vordenkerin Ulrike Meinhof, erinnert sich an die beeindruckende Demonstration gegen die Vietnam-Krieg in Berlin im Februar 1968 mit 40 000 Teilnehmern. Dabei kam es zu einem symbolträchtigen Vorfall. Während der Rede von Dutschke wurde unter großem Jubel eine Fahne der Vietcong durch einen linken Aktivisten auf einen hohen Baukran angebracht – und wenige Minuten später von flinken Jungarbeitern demonstrativ zerrissen und verbrannt. Da wurde die Parole geprägt: „Laßt Bauarbeiter ruhig schaffen – kein Geld für langhaarige Affen.“ (K.R.Röhl:Linke Lebenslügen- Eine überfällige Abrechnung,1994).

Tödliche Machtkämpfe

Systematisch wurde Dutschke von den Massenmedien als das Gesicht linker Krawalle aufgebaut. Insbsondere die BILD-Zeitung startete eine regelrechte Hetzkampagne gegen den Studenten. Dabei wurden alle Register gezogen. Mal wäre er im Auftrag Moskaus aktiv, mal stünde er in einer SA-Tradition. Mit kreativen Aktionen forderten damals linke Studenten die Enteignung des Springer-Konzerns. Doch die Lynchstimmung trug Früchte. Ausgerechnet der Arbeiter Bachmann verübte am Gründonnerstag 1968 ein Attentat auf offener Straße, das Dutschke nur schwer verletzt überlebte. Es kommt in ganz Westdeutschland zu Ausschreitungen, die in München zwei Menschenleben fordern. Merkwürdig ist der Zeitpunkt, der Dutschke aus wichtigen Organisationsprozessen im wahrsten Sinne des Wortes für mehrere Jahre herausschoß. Während Dutschke mühsam das Sprechen wieder erlernen muß, zieht er rastlos durch Westeuropa: Schweiz, Italien, England und Dänemark sind Stationen, um in Ruhe seine Doktorarbeit zu schreiben und seine kleine Familie zu schützen. In Arhus in Dänemark erhält der junge Akademiker einen Lehrauftrag an der Universität und promoviert 1973. Derweil zersplittert sich die linke Bewegung. Um einem Verbot durch das Innenministerium zu entgehen, löst sich der SDS 1970 selbst auf. Während viele linke Studenten sich der SPD annähern und den „Marsch durch die Institutionen“ beginnen, schließen sich viele Radikale den verschiedenen neuen kommunistischen Gruppen an. Es bildeten sich zudem Frauen-, Umwelt- und Dritte-Welt-Initiativen. Ein militanter Kern versucht mit Gewalt, die bestehenden Verhältnisse zu ändern. Obwohl Dutschke den Befreiungskampf im Trikont (Bezeichnung für die Kontinente Asien, Lateinamerika und Afrika aus anti-kolonialer Perspektive) rechtfertigt, lehnt er individuellen Terror in Westdeutschland ab.

Gleichwohl distanziert er sich sich nicht von den ihm persönlich bekannten Militanten der ersten Generation der Roten Armee Fraktion. So hebt Dutschke am Grab des am 9. November 1974 in Wittlich an den Folgen eines freiwilligen Hungerstreikes gestorbenen Holger Meins die Faust in die Höhe und ruft in die Fernsehkameras: „Holger, der Kampf geht weiter!“ Trotzdem gelingt es Dutschke nicht, seine alte Führungsrolle wiederzuerlangen. Dutschke beginnt sich für die neue Grüne Bewegung zu interessieren und erwägt einen Umzug nach Bremen. Dabei zeichnet sich ein Machtkampf mit den Kadern der K-Gruppen ab, die die Führung der neuen Bewegung übernehmen wollen.

Unerwartet ertrinkt Rudi Dutschke am 24. Dezember 1979 in der Badewanne als Folge eines epileptischen Anfalles. Die Medien sprechen von einer Spätfolge des Attentates von 1968.

Die Entwicklung der Grünen und damit der deutschen Parteienlandschaft bekam dadurch eine neue Wendung. Wohl vergleichbar mit dem unerwarteten Selbstmord von Petra Kelly und Gert Bastian im Oktober 1992, die unbemerkt mehrere Wochen tot in ihrem Haus in Bonn lagen. Dutschke hinterließ zwei Söhne und eine Tochter.

 

Dutschke und die deutsche Nation

Rudi Dutschke hatte seine nationalen Wurzeln nie verleugnet. Die Teilung seines Vaterlandes empfand er auch persönlich als schmerzhaft. Den Wehrdienst in der DDR verweigerte er auch deshalb, weil er nicht auf Landsleute schießen wollte. Den Berliner Mauerbau 1963 empfand er nicht nur als biografischen Bruch, sondern als politische Demarkationslinie. Schon 1967 stellte Dutschke sein Konzept eines blockfreien Westberlins als Initialzündung der politischen Veränderung in Deutschland vor. In seinem Artikel „Zur nationalen Frage“ prangert Dutschke 1978 die Teilung Deutschlands an: „Die beiden deutschen Systeme waren nie Alternativen füreinander. Sie bedingten und bedingen einander in den verschiedensten Formen, um die Beleidigten, Unterdrückten und Ausgebeuteten nicht zu ihrem Recht kommen zu lassen. Diesen Zusammenhang zu durchschauen und daraus politische Konsequenzen zu ziehen, ist für die nächsten Jahre von größter Bedeutung.“ Ohne die Überwindung der Fremdherrschaft in Ost und West ist eine deutsche Revolution undenkbar. Soziale Befreiung kann nur durch nationale Befreiung verwirklicht werden. An den nationalen Grundlagen von Friedrich Engels anknüpfend schreibt Dutschke 1974 für „konkret“ in „Pro Patria Sozi?“: „Die Gebundenheit der BRD an die NATO, die Gebundenheit der DDR an den Warschauer Pakt, behindern die internationale Entspannung und die nationale Lösung. Der Kampf um die nationale Unabhängigkeit wird somit zu einem elementaren Punkt des sozialistischen Kampfes.“

Folgerichtig kritisiert Dutschke auch die Eliminierung des Bezuges zur deutschen Nation in der neuen DDR-Verfassung von 1974. Definierte sich die DDR in ihrer Verfassung von 1968 noch ausdrücklich als „sozialistischer Staat deutscher Nation“, wurde sechs Jahre später das Bekenntnis zur deutschen Nation einfach gestrichen.

Dabei hat das historische Bewußtsein eine Schlüsselfunktion für die Entfaltung revolutionärer Erkenntnisprozesse.

Kurz bevor der „deutsche Herbst“ der RAF die Bundesrepublik erschütterte, erklärte Dutschke im Juli 1977 in einem Grundsatzbeitrag „Die Deutschen und der Sozialismus“: „Amerikanisierung und Russifizierung sind vorangeschritten, aber nicht die Wiedergewinnung eines realen Geschichtsbewußtseins der Deutschen. Ganz zu schweigen von einem nationalen Klassenbewußtsein der deutschen Arbeiterklasse. (…)Unter solchen Bedingungen fängt der linke Deutsche an, sich mit allem möglichen zu identifizieren, aber einen Grundzug des Kommunistischen Manifestes zu ignorieren: Der Klassenkampf ist international, in seiner Form aber national.“

Das sind sehr interessante Ausführungen, da die deutsche Linke gerade die deutsche Vergangenheit für anti-nationale Reflexe bemüht. Durch die strukturierte Analyse der Machtverhältnisse, wird falschen Schuldkomplexen der Boden entzogen. Dies dürfte der Grund sein, warum das geistige Erbe von Rudi Dutschke von bestimmten Kreisen verdrängt wird. Rudi Dutschke kannte die historischen Hintergründe, die zur anhaltenden Teilung Deutschlands führten. Im Frühjahr 1979 bemerkte Dutschke in seinem Tagebuch anläßlich des vietnamesischen Einmarsches gegen die „Roten Khmer“ in Kambodscha treffend: „Wie schnell eine Befreiung in Eroberung umschlagen kann, wissen wir aus der eigenen Geschichte.“

Wie angewidert wäre Dutschke heute, wenn er sehen müßte, daß ausgerechnet die Grünen Auslandseinsätze der Bundeswehr beschließen und „anti-deutsche Linke“ Fahnen imperialistischer Staaten wie der USA und Israel schwenken.

Der NPD-Parole „Sozial geht nur national“ hätte Dutschke wohl zugestimmt.

Für den preußischen Revolutionär war die BRD kein souveräner Nationalstaat. Die NPD betrachtete der nationale Linke in einem Fernsehinterview übrigens als Ausdruck des Unbehagens der Deutschen über das System am Ende des sog. „Wirtschaftswunders“ und nicht als primäre Gefahr.

Den nationalen und sozialen Deutschen ruft Dutschke gerade in der heutigen Zeit der allgemeinen Entpolitisierung und Apathie zu: „Die Revolutionierung der Revolutionäre ist so die entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen.“

Empfohlene Quellen:

Bernd Rabehl: Rudi Dutschke: Revolutionär im geteilten Deutschland.

Bernd Rabehl: Linke Gewalt: Der kurze Weg zur RAF.

 

http://sachedesvolkes.wordpress.com

http://rabehl.wordpress.com/tag/rudi-dutschke/

http://www.youtube.com/watch?v=qzTKa9epLdg

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